Detailseite
"Götter im Exil." Zu den Folgen von Verlust, Relokation und Neugründung religiöser Kultstätten im Narmada-Tal.
Antragsteller
Dr. Jürgen Neuß
Fachliche Zuordnung
Asienbezogene Wissenschaften
Förderung
Förderung von 2012 bis 2017
Projektkennung
Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 228249145
Grundlegendes Ziel des beworbenen Projektes ist die Untersuchung der Wirkung fortschrittsbedingter Umwälzungen auf traditionelle religiöse Vorstellungen und Kulte in Indien und des dadurch hervorge-rufenen Wandels religiöser Anschauungen am Beispiel des Staudammbaus im Narmada-Tal in Zentralindien. Gegenstand der Betrachtung sind die Begleitumstände und Wirkungen von Verlust, Relokation und Neugründung von Heiligtümern im Zuge des Staudammbaus und die Widersprüche und Konflikte die sich aus den Erfordernissen einer modernen Industriegesellschaft und den Traditio-nen einer immer noch stark religiös geprägten Kultur ergeben. Das Projekt möchte Antworten auf die Fragen geben, wie solche Konflikte in Indien behandelt bzw. gelöst werden und wie sich Religion und Religiosität in Indien im aktuellen Prozess der Modernisierung verändert.An der Narmada, dem fünft größten Strom Indiens, wurden in den letzten zwei Jahrzehnten mehrere Großstaudämme errichtet, die eine Fläche von insgesamt rund 2000 qkm unter Wasser gesetzt haben. Der Fluss gilt als einer der heiligsten Indiens und wird seit alters her als Göttin verehrt. Wesentlicher Bestandteil und Ausdruck dieser Verehrung ist der Ritus der Narmadaparikrama. Dabei handelt es sich um eine Pilgerschaft, die die vollständige Umwandelung des Flusses auf einem vorgeschriebenen Pilgerpfad umfasst, der über rund 2600 km Länge von einem Heiligtum zum nächsten führt und der nun ebenfalls in weiten Teilen und zusammen mit zahlreichen Heiligtümern in den Stauseen versunken ist. Die Grundlage dieser einzigartigen Pilgerschaft bilden kanonische Sanskrittexte, die die einzelnen religiösen Stätten durch Legenden, Traditionen und Riten miteinander in Beziehung setzen und dadurch seit Jahrhunderten eine religiös-rituelle Einheit des Narmada-Tales festschreiben. Dadurch wird eine weitläufige, ländliche, in weiten Teilen schwer zugängliche Region etwa von der Größe Südkoreas vereint, die durch einen langanhaltenden und fortwährenden Kontakt zwischen indi-genen Bevölkerungsgruppen und - im Zuge einer historisch bedingten, fortschreitenden Besiedelung - aus anderen Landesteilen einwandernden hinduistischen Volksgruppen geprägt wurde und nun einem fundamentalen Wandel unterworfen ist.Das Narmada-Tal bietet gegenwärtig einzigartig günstige Voraussetzungen für eine solche Untersu-chung, da zum einen die Anzahl von der Thematik betroffener Orte und Kultstätten sehr hoch, zum anderen die Erinnerung der Bevölkerung an die entsprechenden Vorgänge noch sehr wach ist, bzw. diese noch im Gange sind. Somit ist nur in diesen Jahren eine umfassende Bestandsaufnahme dieser Vorgänge im Narmada-Tal möglich, deren Untersuchung uns zeigen wird, in welcher Weise gravie-rende, modernisierungsbedingte Umweltveränderungen religiöse Traditionen beeinflussen und verän-dern und wie die gesellschaftliche Relevanz religiöser Traditionen angesichts der Erfordernisse einer modernen Industriegesellschaft neu bewertet werden.
DFG-Verfahren
Sachbeihilfen
