Detailseite
Projekt Druckansicht

"Götter im Exil." Zu den Folgen von Verlust, Relokation und Neugründung religiöser Kultstätten im Narmada-Tal.

Antragsteller Dr. Jürgen Neuß
Fachliche Zuordnung Asienbezogene Wissenschaften
Förderung Förderung von 2012 bis 2017
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 228249145
 
Erstellungsjahr 2016

Zusammenfassung der Projektergebnisse

Der Umstand, dass die hinduistische Mehrheitsgesellschaft den Pilgerweg der in Zentralindien äußerst populären Narmadaparikrama sowie zahlreiche daran gelegene Tempel dem Bau mehrerer Großstaudämme widerspruchslos geopfert hat, hat offenbar keinerlei negative Auswirkungen auf die Popularität dieser Pilgerschaft noch auf die zugrundeliegende religiöse Verehrung der Narmada. Die Transformation des Flusses in eine Seenkette, die weitläufige Verlegung des Pilgerweges auf Strassen und die damit bezüglich der Narmadaparikrama einhergehenden Verstöße gegen traditionelle, religiöse Dogmen werden von den Gläubigen nicht problematisiert. Sie werden allenfalls als 'Kollateralschaden' einer willkommenen wirtschaftlichen Entwicklung gesehen oder als weiteres Symptom des unentrinnbaren, auf höheren Gesetzen beruhenden Niederganges menschlicher Kultur. Der traditionell als wertekonservativ geltende Hinduismus zeigt sich in der gegenwärtigen Transformationsphase Indiens zur globalen Wirtschaftsmacht gegenüber politisch-ökonomischen Zwängen als ausgesprochen flexibel und kompensiert den Verlust von Tradition mit zunehmender Vereinheitlichung und Kommerzialisierung. Der Bau der Staudämme an der Narmada ist dabei nur eine Episode in einem auch anderenorts (Chattisgarh, Odisha, Jharkhand) stattfindenden innerindischen Kampf um natürliche Ressourcen, der von der hinduistischen Mehrheitsgesellschaft gegen die Nachkommen nicht-hinduistischer, ehemals tribaler Volksgruppen, den Adivasi ("Ureinwohner") geführt wird und der auf religiösen als auch sozio-politischen Dogmen unterschiedlicher historischer Epochen und kultureller Provenienz fußt. Ihre Wurzeln liegen in alten religiösen Reinheitsvorstellungen, die die Adivasi nach hinduistischer Auffassung auf die unterste Stufe der sozialen Hierarchie verweist und sie damit abseits hinduistischer Siedlungsgebiete, in meist abgelegene, unwegsame Waldregionen von ehemals marginalem wirtschaftlichem Interesse, verdrängt haben. Dies sicherte den Adivasi auf lange Zeit eine relativ autarke Lebensweise in der sie ihre religiös-kulturellen Traditionen erhalten konnten. Dies änderte sich gravierend erst im 19. Jahrhundert unter britischer Oberherrschaft in Zentralindien, als die Waldgebiete großflächig unter staatliche Kontrolle gestellt, die Landwirtschaft erheblich ausgeweitet und der von Adivasis betriebene Brandrodungsfeldbau verboten und restriktive Jagd- und Waffengesetze erlassen wurden. Bei all diesen primär von ökonomischen Interessen geleiteten Maßnahmen wurden Rechte, Traditionen und Interessen der Adivasi weitgehend mißachtet, da diese von den meisten Kolonialbeamten gemeinhin als "unzivilisierte Wilde" betrachtet wurden, denen man auf eine höhere zivilisatorische Stufe hinaufhelfen müsse, was die Auslöschung tribaler Kultur mit einer gleichsam 'humanitären' Rechtfertigung versah. Hier schließt sich mit dem Narmada Valley Development Project ein Kreis: wieder werden im Namen des "Fortschritts" traditionell marginalisierte gesellschaftliche Gruppen aus ihren Lebensräumen vertrieben und diese Menschen damit ihrer ökonomischen Lebensgrundlagen beraubt, ihre sozialen Beziehungen und Netzwerke zerstört, was den Verlust ihrer kulturellen Identität und der ihnen verbliebenen Reste von Autonomie zur Folge hat. Es läßt sich zeigen, dass die rechtlichen Grundlagen, die diese Vereinnahmung ermöglichen, teilweise nur marginal veränderte Abkömmlinge von den Briten ererbter Vorläufer sind. Dies gepaart mit einer ebenso auf kolonialen Vorläufern beruhenden Administration, deren interne Organisation und Funktionsweise eine Art struktureller Gewalt gegen marginalisierte Bevölkerungsgruppen produziert, sowie einer, zumindest im Falle des Staudammbaus ebenso kolonial inspirierten und mittlerweile als überholt zu betrachtenden Vorstellung von Fortschritt wirft die Frage auf, inwieweit der moderne indische Staat sich von seinen kolonialen Fesseln gelöst hat. Und auch in diesem Falle wird mit dem notwendigen "uplift" vermeintlich primitiver Bevölkerungsgruppen argumentiert, und allzuoft findet sich koloniales Vokabular mit den dahinterliegenden unseligen Vorstellungen in offiziellen Verlautbarungen über die von Vertreibung betroffenen Bevölkerung. Deren Rechte werden weitgehend außer Acht gelassen, wie die vielfach berichtete chronische Mißachtung gerichtlicher Entscheidungen durch ausführende Organe belegt. Dies wirft allerdings Fragen speziell über die Unabhängigkeit und Direktivgewalt der indischen Justiz und generell über die Funktionsweise und Säkularität der "größten Demokratie der Welt" auf.

Projektbezogene Publikationen (Auswahl)

  • "Omkareshvar-Mandhata. Tracing the Forgotten History of a Popular Place." Berliner Indologische Studien, 21 (2013), pp. 115-172
    Jürgen Neuß
  • "Omkareshvara-Mandhata: A 'Blind Spot' In The Study of Paramara History and Culture." In: Willis, M., P. Rag & O.P. Misra - Patrimoine culturel de l'eau: Cities and Settlements, Temples and Tanks in the Medieval Landscape of Central India. Bhopal, Directorate of Archaeology, Archives and Museums, pp. 97-112. ISBN 978-81-89660-19-2
    Jürgen Neuß
  • "Narmada." In: Jacobsen K.A. (ed.) - Brill's Encyclopedia of Hinduism, Vol. VI, Leiden, Brill, pp. 3-9
    Jürgen Neuß
  • 2015 "Unpublished Inscriptions from the Amareshvara Temple, Mandhata." Berliner Indologische Studien, 22 (2015), pp. 123-150
    Jürgen Neuß
  • 2016 "A New Type of 'Devapatta' and a Few Other Vaisn˜ava Icons from the Visn˜u Temple, Mandhata." In: Dhar, P.P. & G. Mevissen - Temple Architecture and Imagery of South and Southeast Asia. Prasadanidhi: Papers Presented to Professor M.A. Dhaky. New Delhi, Aryan Books International, pp. 208-220
    Jürgen Neuß
  • 2016 "Omkareshwar-Mandhata." In: Jacobsen K.A. (ed.) - Brill's Encyclopedia of Hinduism Online
    Jürgen Neuß
 
 

Zusatzinformationen

Textvergrößerung und Kontrastanpassung