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Führt Arbeitslosigkeit zu seelischen Narben? Spätfolgen von Erwerbslosigkeitserfahrungen für die psychische Gesundheit.

Fachliche Zuordnung Sozialpsychologie und Arbeits- und Organisationspsychologie
Förderung Förderung von 2013 bis 2022
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 230469589
 
Erstellungsjahr 2022

Zusammenfassung der Projektergebnisse

Arbeitslosigkeit beeinträchtigt die psychische Gesundheit, wie sowohl durch zahlreiche Längsschnittuntersuchungen als auch durch natürliche Experimente (Fabrikschließungsstudien) belegt wurde. Es ist aber weitgehend unklar, was die vermittelnden Wirkmechanismen sind, so dass eine zufriedenstellende Erklärung bisher aussteht. Zudem wurde der Frage nach psychischen Spätfolgen von früher erlebten Arbeitslosigkeitsphasen (sog. Narbeneffekten) bisher nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Aufgrund der großen Zahl Betroffener (je nach Kohorte erleben mehr als 40% eines Geburtsjahrgangs mindestens einmal im Leben Arbeitslosigkeit) ist diese Frage aber hoch bedeutsam für die Bevölkerungsgesundheit. Mit den im hier vorliegenden Abschlussbericht zusammengefassten Untersuchungen der DFG- Projekte (PA 2095/2-1) und (PA 2095/2-2) wurde versucht, diese Forschungslücken zumindest teilweise zu schließen. Um mehr Klarheit bezüglich der Wirkmechanismen zu erreichen, wurde zunächst im Projekt "Deprivierte Bedürfnisse und inkongruente Werte - Untersuchungen zu den Ursachen des seelischen Leidens Arbeitsloser“ auf das meistzitierte theoretische Modell im Bereich der psychologischen Arbeitslosigkeitsforschung fokussiert, das sog. Modell der manifesten und latenten Funktionen der Erwerbsarbeit von Marie Jahoda. Gemäß diesem Modell wird das schlechte seelische Befinden Arbeitsloser nicht nur durch einen Mangel bezüglich der sogenannten manifesten Funktion der Erwerbsarbeit (Einkommenssicherung) verursacht, sondern auch durch einen Mangel an fünf latenten Funktionen der Erwerbsarbeit, nämlich Zeitstruktur, Sozialkontakt, Status, kollektive Ziele bzw. Sinngebung, sowie Aktivität. Diese stellen sozusagen Nebeneffekte der Erwerbsarbeit dar, die aber für das psychische Wohlbefinden unerlässlich sind. Um wesentliche Annahmen des Modells zu prüfen, wurde eine Metaanalyse durchgeführt, die k = 106 Primärstudien inkludierte. Die Befunde unterstützen das Modell, da Erwerbstätige nicht nur im Vergleich zu Arbeitslosen mehr manifeste und latente Funktionen berichteten, sondern auch im Vergleich zu Personen außerhalb des Arbeitsmarktes (Studierende, Hausfrauen/männer, Rentner/innen). Erwerbsarbeit scheint also in modernen Gesellschaften tatsächlich die beste Quelle der manifesten und latenten Funktionen zu sein, wie theoretisch erwartet. In multiplen Regressionsanalysen, die auf einer metaanalytisch generierten Interkorrelationsmatrix basierten, erwiesen sich zudem alle Dimensionen des Modells als signifikante eigenständige Prädiktoren der psychischen Gesundheit. Zur Überprüfung des Modells wurde zudem eine Längsschnittuntersuchung mit Personen durchgeführt, die zu Beginn arbeitslos waren oder bald werden würden (z.B. aufgrund befristeter Verträge). Diese Stichprobe von N = 1061 Arbeitslosen wurde über sechs Wellen im Abstand von drei bis fünf Monaten begleitet. Mehrebenenanalytische Befunde bestätigten, dass die manifesten und latenten Funktionen als Mediatoren wirkten: Änderungen des Erwerbsstatus sagten Änderungen bei den latenten und manifesten Funktionen vorher, welche wiederum Änderungen des psychischen Befindens bewirkten. Damit konnten die impliziten Mediationsannahmen des Deprivationsmodells erstmals mit einem mehrwelligen Längsschnittdesign bestätigt werden. Zudem konnte gezeigt werden, dass Kompetenz eine Variable darstellt, die sich sehr ähnlich verhält wie die latenten Funktionen, weswegen ihre Aufnahme in das Deprivationsmodell als angemessen erscheint. Ein weiteres theoretisches Modell, die sogenannte Inkongruenzhypothese, wurde im Rahmen des Projektes ebenfalls überprüft. Die Inkongruenztheorie besagt, dass Arbeitslosigkeit zu einer fehlenden Übereinstimmung zwischen erwerbsstatusbezogenen Werten und Lebenszielen einerseits und der erwerbsstatusbezogenen Lebensrealität andererseits führt, welche dann das seelische Befinden beeinträchtigt. In Übereinstimmung mit diesen Annahmen konnte mit den Daten zweier unabhängiger Längsschnittstudien gezeigt werden, dass Wechsel im Erwerbsstatus entsprechende Wechsel im Inkongruenzerleben zur Folge hatten, beispielsweise führte eine Wiederbeschäftigung zu einer sehr deutlichen Reduktion des Inkongruenzempfindens. Änderungen im Inkongruenzempfinden wiederum führten zu entsprechenden Änderungen der psychischen Gesundheit. Interessanter Weise führten auch Wechsel von der Arbeitslosigkeit in die Nichterwerbstätigkeit (z.B. Studium oder Rente) zu Reduktionen des Inkongruenzempfindens und dadurch vermittelt zu Verbesserungen des psychischen Befindens. Dieser Befund ist von besonderem theoretischen Interesse, da das Inkongruenzmodell hier einen Befund erklären kann, der für das Deprivationsmodell eine theoretische Anomalie darstellt. Das Inkongruenzmodell sagt nämlich voraus, dass Inkongruenz ein typisches Merkmal spezifisch der Arbeitslosen ist, nicht aber anderer nichterwerbstätiger Gruppen wie z.B. Rentner und Rentnerinnen, und entsprechend nur bei Arbeitslosen psychisches Leiden auftreten sollte. Schließlich wurde in einer weiteren Untersuchung, die sich auf die Daten der oben angesprochenen Längsschnittuntersuchung mit Arbeitslosen stützte, die Rolle von Ungerechtigkeitswahrnehmungen als mögliche Prädiktoren des schlechten seelischen Befindens Arbeitsloser untersucht. Gerechtigkeit bzw. Ungerechtigkeit hat bisher in der psychologischen Arbeitslosigkeitsforschung wenig Aufmerksamkeit gefunden. Die Befunde zeigten, dass wahrgenommene allgemeine Ungerechtigkeit im Zuge eines Stellenverlustes zunahm und bei Wiederbeschäftigung abnahm. Zugleich sagten Änderungen der Ungerechtigkeitsempfindungen Veränderungen der psychischen Gesundheit vorher. Zudem erwiesen sich innerhalb der Gruppe der kontinuierlich Erwerbslosen Veränderungen der prozeduralen Gerechtigkeit, die im Kontext der Behandlung durch die Arbeitsagentur wahrgenommen wurden, als signifikante Prädiktoren von Veränderungen der seelischen Gesundheit. Das zweite Projekt mit dem Titel „Führt Arbeitslosigkeit zu seelischen Narben? Spätfolgen von Erwerbslosigkeitserfahrungen für die psychische Gesundheit“ ging der Frage nach möglichen Spätfolgen von Arbeitslosigkeit hinsichtlich der psychischen Gesundheit nach. Dafür wurde eine Metaanalyse mit k = 21 Primärstudien durchgeführt. Die Ergebnisse zeigten, dass eine früher erlebte Arbeitslosigkeit einen anhaltenden negativen Effekt auf die psychische Gesundheit hatte. Es konnte zudem gezeigt werden, dass das Ausmaß der früheren Arbeitslosigkeitserfahrung einen moderierenden Einfluss auf die Größe des Effektes hatte. Insbesondere wiederholte Phasen von Arbeitslosigkeit sind demnach problematisch. In Sensitivitätsanalysen konnte Narbeneffekte auch dann nachgewiesen werden, wenn die Analyse auf Primärstudien beschränkt wurde, die die vorbestehende psychische Gesundheit statistisch kontrollierten, so dass von einem kausalen Effekt ausgegangen werden kann. Für die Zukunft ist geplant, vertiefende Fragen zu den Entstehungsbedingungen von Narbeneffekten der Arbeitslosigkeit zu klären, sowie das symptomatische Erscheinungsbild näher einzugrenzen (spielen neben Depression z.B. Verbitterungsgefühle eine bedeutsame Rolle?). Außerdem soll in Moderatoranalysen geklärt werden, welche sozialen Gruppen besonders gefährdet sind. Zur Beantwortung dieser Frage wird die Längsschnittstudie mit (ehemaligen) Arbeitslosen, die zwischenzeitlich zunächst um sechs weitere Wellen und dann im Zuge der COVID-19-Pandemie (PA 2095/5-1) noch einmal um zwei zusätzliche Welle (auf insg. 14 Wellen) verlängert wurde, genutzt werden. Durch die lange Gesamtlaufzeit von über zehn Jahren, bei einer gleichzeitig relativ engen Taktung der Messzeitpunkte, wird auch eine detaillierte Beschreibung des Befindensverlaufes der ehemaligen Arbeitslosen möglich sein.

Projektbezogene Publikationen (Auswahl)

  • Gerechtigkeitswahrnehmung arbeitsloser Personen als Prädiktor psychischer Gesundheit und Stellensuche unter Berücksichtigung von Feindseligkeit. Forschungsreferat in einer Arbeitsgruppe beim 50. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychologie, Leipzig, Deutschland
    Zechmann, A. & Paul, K. I.
  • Suffering from work values. Does incongruence explain distress during unemployment? Paper presentation at the 5th Institute of Work Psychology Conference, Sheffield, United Kingdom
    Zechmann, A. & Paul, K. I.
  • Incongruence as a cause of distress among unemployed people: Evidence from two longitudinal samples from Germany. Paper presented at the 18th European Congress of Work and Organizational Psychology, Dublin, Ireland
    Paul, K. I. & Zechmann, A.
  • The Detrimental Effect of Unemployment on Mental Health: Scrutinizing Psychological Mediation Mechanisms in a Six-Wave Longitudinal Study. Dissertation, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
    Zechmann, A.
  • Why do individuals suffer during unemployment? Extending the latent deprivation model. Paper presented at the the 18th European Congress of Work and Organizational Psychology, Dublin, Ireland
    Zechmann, A. & Paul, K. I.
  • Die Auswirkungen von Arbeitslosigkeit auf das Sinnerleben und die psychische Gesundheit. Fehlzeiten-Report 2018, 95-104. Springer Berlin Heidelberg.
    Paul, Karsten & Zechmann, Andrea
  • Marie Jahoda’s latent deprivation model – meta-analytic findings. Paper presented at the 13th European Academy of Occupational Health Psychology Conference, Lisbon, Portugal
    Paul, K., Zechmann, A., Batinic, B. & Moser, K.
  • Scarring effects of unemployment on mental health: Meta-analytic results. Paper presented at the 19th European Congress of Work and Organizational Psychology, Torino, Italy
    Paul, K. I. & Zechmann, A.
  • Why do individuals suffer during unemployment? Analyzing the role of deprived psychological needs in a six-wave longitudinal study.. Journal of Occupational Health Psychology, 24(6), 641-661.
    Zechmann, Andrea & Paul, Karsten Ingmar
 
 

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