Selbstdarstellung in Auswahlsituationen aus Bewerber- und Organisationssicht
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Die Selbstdarstellung von Bewerbenden wird in der Berufseignungsdiagnostik überwiegend als Problem angesehen und mit negativ wertenden Begriffen (z.B. „Faking“, „Verfälschung“) belegt. In diesem Projekt wurden Annahmen einer Theorie der Selbstdarstellung (SPT, Marcus 2009) geprüft, die dem eine ausgewogenere Sichtweise entgegenstellt und in Fertigkeiten und der Motivation zur Selbstdarstellung auch den Ausdruck beruflich relevanter Anforderungsmerkmale erkennt. Um solche Merkmale, deren Antezedenzien und Folgen zu erfassen, wurde eine Serie von Labor- und Feldstudien durchgeführt. In einer aufwendig angelegten Laborstudie wurde versucht, den gesamten Bewerbungsprozess, von der Stellenauswahl über die Einsendung von Bewerbungsunterlagen, die Durchführung standardisierter Testverfahren bis hin zu Bewerbungsgesprächen und der Entscheidung über ein Stellenangebot in einem simulierten Bewerbungstraining möglichst realitätsnah nachzubilden. Annahmen der SPT wurden dabei anhand der Auswirkungen auf zwei Persönlichkeitstests (ein allgemeines Persönlichkeitsinventar und ein sog. Integrity Test) untersucht, die mehrfach unter jeweils variierten Bedingungen (ehrlich, maximal positiv, so wie in der simulierten Bewerbungssituation) erhoben wurden. In einer nachfolgenden Online-Studie wurde ferner u.a. die Auswirkung des Interviewerverhaltens auf das jeweilige Testverhalten untersucht. Die Annahmen der SPT zu situativen und dispositiven Antezedenzien von Elementen der Selbstdarstellung konnten nur teilweise bestätigt werden; es fanden sich jedoch bspw. theoriekonforme Effekte auf die Motivation zur Selbstdarstellung, die der traditionellen Lesart der Faking-Forschung widersprechen. Belege fanden sich ferner für die Abgrenzung von Elementen der SPT vom verwandten Konstrukt der Ability to Identify Criteria (ATIC). In zwei Feldstudien wurde in simulierten und echten Bewerbungssituationen der Einfluss der Selbstdarstellung auf die prognostische Validität von Persönlichkeitstests untersucht. Theoriekonform fand sich hier Evidenz für positiv inkrementelle Validität von Indikatoren der Selbstdarstellung über die traditionelle Auswertung der Testverfahren hinaus. Insgesamt zeigen die Befunde aus dem Projekt das Potenzial einer Neubewertung der Selbstdarstellung von Bewerbungen auf der Grundlage der SPT nicht nur als reines Problem, sondern auch als Chance in der Eignungsdiagnostik, aber auch die Problematik u.a. der Operationalisierung und Differenzierung der darin formulierten Elemente von Fertigkeiten und Motivation, wodurch die Prüfung spezifischer Annahmen erschwert wird.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
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Selbstdarstellung in Auswahlsituationen als Folge von Stellenattraktivität und individuellen Fertigkeiten. Forschungsreferat, gehalten auf dem 50. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs), Leipzig.
Hummert, H., Marcus, B. & Traum, A.
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Selbstdarstellung in Auswahlsituationen in Abhängigkeit von im Prozess erhaltenen Informationen. Forschungsreferat, gehalten auf der 10. Tagung der Fachgruppe Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs), Dresden.
Hummert, H., Marcus, B. & Traum, A.
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The Ideal Employee Coefficient: Can self-presentation predict performance beyond traits? Paper presented at the 32nd Annual Conference of the Society for Industrial and Organizational Psychology, Orlando, FL.
Marcus, B., Hummert, H., Goldenberg, J., Fine, S., Traum, A. & Deller, J.
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Affekt und Handlungsorientierung im Bewerbungsprozess. Dissertation, Universität Rostock.
Traum, A.
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Self-Presentation in Selection Settings: the Case of Personality Tests. Journal of Business and Psychology, 35(5), 557-571.
Marcus, Bernd; Goldenberg, Judy; Fine, Saul; Hummert, Henning & Traum, Anne
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Behaviour in selection situations as an adaptation to external expectations: testing a theory of self-presentation. European Journal of Work and Organizational Psychology, 31(3), 453-469.
Hummert, Henning; Traum, Anne & Marcus, Bernd
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Dynamisches Selbstdarstellungsverhalten in Abhängigkeit von im Bewerbungsprozess erhaltenen Informationen. Forschungsreferat, gehalten auf dem 52. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs), Hildesheim, Deutschland
Hummert, H., Marcus, B. & Traum, A.
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Behaviour in selection situations as adaption to external expectations: Investigations into propositions and measurement problems of a theory of selfpresentation. Doctoral dissertation, University of Rostock.
Hummert H.
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Methodological issues related to the theory of self-presentation. Oral presentation at the 21st Biannual Congress of the European Association for Work & Organizational Psychology, Katowice, Polen.
Hummert, H.
