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Stoff für die Geschichte: Der nationale Antiquarianismus und seine Narrative in Frankreich im 18. und frühen 19. Jahrhundert.

Antragstellerin Dr. Lisa Regazzoni
Fachliche Zuordnung Neuere und Neueste Geschichte (einschl. Europäische Geschichte der Neuzeit und Außereuropäische Geschichte)
Förderung Förderung von 2015 bis 2020
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 262291181
 
Erstellungsjahr 2019

Zusammenfassung der Projektergebnisse

In dieser Studie ist das Wissensfeld „gallische Vergangenheit“ im französischen Diskurs des 18. und frühen 19. Jahrhunderts aus einer neuen Perspektive beleuchtet worden. Der Zugang zu diesem Forschungsfeld erfolgte zunächst über jene spezifische Form der Evidenz, mit der Erkenntnisse über diese Vergangenheit untermauert und belegt wurden: das Monument. Es handelt sich dabei um eine besondere Form der Evidenz, die im Laufe des 18. Jahrhunderts eine beeindruckende semantische Erweiterung erfuhr. Denn der Begriff Monument wurde de facto zur Bezeichnung jeglicher als „authentisch“ und „ursprünglich“ wahrgenommenen Spuren der Vergangenheit verwendet: Sie reichten von den literarischen Überlieferungen oder den Denkmalen, den Hymnen und Lobgesängen, der bretonischen Sprache bis hin zu den Fossilen etc. Das Monument als Überrest, der nicht nur absichtlich zu Gedenk- oder Würdigungszwecken errichtet worden ist, sondern auch als ungewollter Träger von Auskünften über die Vergangenheit betrachtet wird, wurde in diesem Zeitraum zu einem vielfältigen und polysemen erkenntnistheoretischen Objekt, das etwas Fundamentales versprach: ein wahrhaftiges, authentisches und ursprüngliches Zeugnis des Vergangenen zu sein. Unter dem „Vergangenen“, von dem die Monumente zu zeugen vermochten, ließen sich alle Bereiche des menschlichen Handelns und Erleidens – von der Migrations- bis hin zur Kultur- bzw. Ereignisgeschichte – sowie der Naturgeschichte subsumieren. Die Fokussierung auf das gallische Denkmal als epistemisches Objekt führte zu einem unerwarteten Ergebnis: Die Monumente, die jeweils als gallisch betrachtet wurden, ließen sich nicht im städtischen Raum „entdecken“ und zusammentragen, sie befanden sich nämlich an jenen Orten, von denen man postulierte, die Kulturentwicklung sei dort am langsamsten verlaufen und das jeweilige Volk habe am stärksten an alten Traditionen gehangen. Den Rohstoff für die Konstruktion der gallischen Geschichte lieferte daher zuerst die französische Provinz jenseits der städtischen Konglomerate. Der nicht-urbane Raum galt als unverändertes Depot authentischer Überreste, worüber die provinzialen Gelehrten die ersten Berichte und Memoiren verfassten: u.a. über die Megalithbauten, die archäologische Stätte Corseul und die bretonische Sprache in der Bretagne, die Überreste von Bibracte auf dem Berg Beuvray und die Säule von Cussy in Bourgogne, die Basreliefs und Mauerreste auf dem Berg Donon in den Vogesen sowie über alte Sitten und Traditionen. Ähnliches trifft auf die Narrative zu, in denen diese Monumente Eingang fanden: Sie waren anfangs nicht für die Konstruktion von nationalen Genealogien und Ursprungserzählungen gedacht. Vielmehr setzten sich Gelehrte mit diesem historischen Stoff in Bezug auf andere Fragen auseinander: historisch-religiöse nach dem Wandel und der Wanderung des jüdischen Monotheismus nach Europa, historisch-theologische nach der Genealogie des Heidentums und der Vielfalt der Religionen, welthistorische nach der Bevölkerung der Erde und der menschlichen Migrations- und Kulturgeschichte sowie lokalhistorische nach dem Ursprung der Provinzen und Städte. Erst sehr spät, nämlich ab den 1795er-Jahren, wurde die gallische Vergangenheit zum Ausgangspunkt der französischen Nationalgeschichte.

Projektbezogene Publikationen (Auswahl)

 
 

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