Zur Herstellung von Vertrauen und Täuschung beim Betrug. Eine interaktionistisch-wissenssoziologische Studie.
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Das Projekt widmete sich aus soziologischer Sicht der Erzeugung von Täuschung und Vertrauen in Interaktionen. Konkret untersucht wurde der strafrechtlich relevante Betrug, genauer gesagt die hierbei oftmals verwendeten „Betrugsmaschen“. Damit gemeint sind quasi vorchoreographierte Vorgehensweisen, mittels derer eine Person so in eine Täuschung verstrickt wird, dass sie am Ende vertrauensvoll Zugriff auf ihr Vermögen gibt. Viele dieser Betrugsmaschen werden seit langer Zeit immer wieder erfolgreich angewendet und stellen damit einen in verschiedener Hinsicht einen höchst interessanten Untersuchungsgegenstand dar, der bislang kaum Berücksichtigung in der Forschung gefunden hat. Methodisch arbeitete das Projekt mit einer Fülle unterschiedlicher, zumeist qualitativer Daten (darunter: offene Interviews mit Betrugsstraftätern, Geschädigten, Ermittlern und Experten, Beobachtungen von Gerichtsverhandlungen und Straßenbetrug, Strafverfahrensakten, Gerichtsurteile, Medienberichte sowie Protokollen von Täter-Opfer-Kommunikation), die mittels der Grounded Theory Methodology ausgewertet wurden. Die bisherigen und in Bearbeitung befindlichen Arbeiten, die aus dem Projekt hervorgegangen sind, bringen die Forschung zum Verständnis von Betrug, Täuschung und Vertrauen in mehrerer Hinsicht voran: Erstens wurde eine Systematik verschiedener grundlegender Techniken des betrügerischen Täuschens erarbeitet. Ausgangspunkt hierfür war, dass empirisch festgestellt wurde, dass sich die vielen unterschiedlichen Formen des Betrugs aus diversen, immer wiederkehrenden Grundbestandteilen zusammensetzen. Es gibt gewissermaßen ein Set typischer Techniken – oder bildlich gesprochen „Bausteine“ – aus denen sich Betrugstaten zusammensetzen. Im Laufe des Projekts wurden eine Reihe derartiger „Bausteine“ identifiziert und in ein analytisches Raster eingeordnet. Dieses Raster umfasst drei qualitativ verschiedene Aspekte, die innerhalb eines betrügerischen Irreführungsprozesses relevant sind. Diese wären 1) das ‚Angebot‘ des Betrügers, das auf einen Wunsch des Zu-Betrügenden zielt und ihm gleichzeitig den (vermeintlichen) Weg aufzeigt, mit dem sich dieser Wunsch realisieren soll. Ein solches Angebot muss 2) in der Regel im Rahmen der ‚Inszenierung‘ des Betrügers „wirklich“ glaubhaft gemacht werden. Schließlich muss 3) in der Regel der Zu-Betrügende gezielt zum Handeln (sprich zur Vermögensübereignung) veranlasst werden. An dieser Stelle kommt „Vertrauen“ ins Spiel und zwar als eine „Ressource“, mit der eine ganz konkrete riskante Entscheidungssituation überbrückt werden kann. Zweitens wurde eine „dichte Beschreibung“ einer konkreten Betrugsmasche – hier des Romantikbetrugs – geleistet. Herangezogen wurden dafür u.a. Daten wie Messenger-Protokolle, die einen in-situ-Blick über mehrere Monate in die Täter-Opfer-Interaktion erlaubten. Dabei konnte im Detail herausgearbeitet werden, wie komplex vielschichtig täuschungsbasierte Interaktionen sein können. Keineswegs können diese vereinfachend weder alleinig auf das Opfer (dessen Intelligenz, Persönlichkeit, Verhalten etc.), noch auf den Täter (bzw. dessen Manipulationsfähigkeiten o.ä.) zurückgeführt werden. Stattdessen findet hier eine komplexe wechselseitige Interaktion statt, bei der ein Täuschender (der Betrüger) die Bedeutungsleistungen in seinen Auftritten so organisiert, dass dem Getäuschten (dem Opfer) eine ‚legitime‘ Realität präsentiert wird, während er selbst inoffiziell eine andere Realitätskonstruktion verfolgt. Gleichzeitig ist die so generierte „fiktionale Wirklichkeit“ immer auch ein „löchriges Gebilde“ , denn nur ein Teil dieser „Wirklichkeit“ und der darin geltenden Regeln sind tatsächlich suggeriert, der Rest wird durch bestimmte Prinzipien in den Köpfen der Getäuschten gebildet. Der Getäuschte schafft die Täuschung – quasi als unwissentlicher Ko- Konstrukteur – also letztlich selbst mit, wobei der Täuschende mittels seiner Einwirkungen diesen (Deutungs-)Prozess anstößt und lenkt. Der Getäuschte ist dabei keineswegs passiv oder gar hilflos, sondern stattdessen in vielfacher Hinsicht „widerständig“. Die umfangreiche und tiefgehende Rekonstruktion eines solchen Prozesses – die auch nicht eine umfassende kulturhistorische Einordnung der Maschen sowie eine zeitdiagnostische Einordnung des relevanten gesellschaftlichen Hintergrunds ausspart – ermöglich nicht nur einen detaillierten Blick auf ein Täuschungsgeschehen, sondern gibt darüber hinaus auch vielfältige Impulse für eine theoretische Konzeptualisierung von „Täuschung“, die in der Soziologie bislang kaum erfolgt ist.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
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Faking! Vorbemerkungen zu einer Soziologie der Täuschung, in: Mittelweg 36, Heft 5, Okt/Nov; S.4-20
Thiel, Christian
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Lug und Trug, Mittelweg 36, Heft 5, Oktober/November
Thiel, Christian
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Liebesschwindel im Cyberspace. Cyberkriminologie, 241-267. Springer Fachmedien Wiesbaden.
Thiel, Christian
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Phänomenologische Betrachtung eines Betrugs, in: Dimbath, Oliver; Pfadenhauer, Michaela (Hrsg.): Gewissheit: Beiträge und Debatten zum 3. Sektionskongress der Wissenssoziologie. Weinheim, Basel: Beltz Juventa; S. 590-601
Thiel, Christian
