Die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie auf die verschiedenen Facetten des Wohlbefindens von Arbeitslosen und Beschäftigten - eine interdisziplinäre Untersuchung auf Basis von Echtzeitdaten
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Im Rahmen des „German Job Search Panel” (GJSP) wurden mittels Smartphone-App von 2017 bis 2021 deutsche Arbeitsuchende monatlich zu ihrem Wohlbefinden befragt. Zusätzlich wurde bei einem Teil der Befragten die Cortisolkonzentration im Haar (HCC) als Biomarker für Stressbelastung gemessen. Die erhobenen Daten ermöglichten die detaillierte Untersuchung von Auswirkungen des Eintritts in Arbeitslosigkeit auf das subjektive Wohlbefinden und die Gesundheit. Im April 2021 wurde das Projekt verlängert, um die Rolle der COVID-19- Pandemie bei diesen Prozessen zu untersuchen. Die Ergebnisse zeigen, dass die Lebens- und Einkommenszufriedenheit nach einem Verlust des Arbeitsplatzes signifikant sanken. Auf weitere Facetten des Wohlbefindens zeigten sich aber keine unmittelbaren Effekte. Zudem schien es beim Eintritt in Arbeitslosigkeit keine kurzfristige Adaptation des Wohlbefindens zu geben. Die Wiederbeschäftigungserwartungen während der Arbeitslosigkeit spielten hingegen eine zentrale Rolle. Niedrige Wiederbeschäftigungserwartungen hingen so beispielsweise mit stärkeren Verlusten in der Lebenszufriedenheit zusammen. Des Weiteren zeigte sich, dass individuelle Ressourcen (z.B. eudaimonisches Wohlbefinden, proaktive Bewältigungsstategien) die Effekte der Arbeitslosigkeit auf unterschiedliche Wohlbefindensfacetten kaum abmilderten. Die HCC war zum ersten Messzeitpunkt am höchsten, also während Teilnehmende noch beschäftigt waren, aber schon wussten, dass sie ihren Job bald verlieren könnten. Personen mit niedrigen Wiederbeschäftigungserwartungen wiesen stärkere Zunahmen der HCC auf als Personen mit hohen Wiederbeschäftigungserwartungen. Dieses Ergebnis deutet darauf hin, dass sich Arbeitslosigkeit nicht per se auf das physiologische Stresssystem auswirkt, sondern vor allem die berufliche Unsicherheit mit erhöhter Cortisolausschüttung verbunden ist. Außerdem zeigte sich, dass Veränderungen in diversen Wohlbefindensfacetten spätere Veränderungen in der HCC nicht vorhersagen konnten. In Hinsicht auf die Pandemie deuten die Daten auf eine Verschlechterung der mentalen Gesundheit von Arbeitnehmern im Allgemeinen im ersten und im zweiten Lockdown hin. Insgesamt hat sich die Pandemie auf unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen sehr homogen ausgewirkt. Bei Personen in Kurzarbeit sank das Wohlbefinden aber stärker als bei anderen Personengruppen. Hingegen waren Arbeitslose nicht besonders stark von der Pandemie betroffen: Sofern sich überhaupt Unterschiede zeigten, ging es den Arbeitslosen während der Pandemie im Vergleich zu den Beschäftigten eher besser als vor der Pandemie. Schließlich zeigte ein methodologisches Experiment auf Basis einer randomisierten Zuweisung, dass die Teilnahme an der Studie die späteren Erwerbsverläufe der Teilnehmenden im Mittel nicht beeinflusste.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
-
The German Job Search Panel. Center for Open Science.
Hetschko, Clemens; Schmidtke, Julia; Eid, Michael; Lawes, Mario; Schöb, Ronnie & Stephan, Gesine
-
Contact Modes and Participation in App-Based Smartphone Surveys: Evidence From a Large-Scale Experiment. Social Science Computer Review, 40(5), 1076-1092.
Lawes, Mario; Hetschko, Clemens; Sakshaug, Joseph W. & Grießemer, Stephan
-
Unemployment and hair cortisol as a biomarker of chronic stress. Scientific Reports, 12(1).
Lawes, Mario; Hetschko, Clemens; Schöb, Ronnie; Stephan, Gesine & Eid, Michael
-
Cortisolmessungen zeigen: Nicht unbedingt Arbeitslosigkeit, sondern vor allem berufliche Unsicherheit führt zu erhöhtem chronischem Stress, In: IAB-Forum 15. Dezember 2023
Keitel, Christiane
-
Das „German Job Search Panel“: Die Effekte von Arbeitslosigkeit und Covid19 auf das Wohlbefinden (IAB-Forschungsbericht).
Stephan, G., Hetschko, C., Schmidtke, J., Lawes, M., Eid, M. & Schöb, R.
-
Does Worker Well‐Being Adapt to a Pandemic? An Event Study Based on High‐Frequency Panel Data. Review of Income and Wealth, 70(3), 840-861.
Schmidtke, Julia; Hetschko, Clemens; Schöb, Ronnie; Stephan, Gesine; Eid, Michael & Lawes, Mario
-
The German Job Search Panel 2.0: The Pandemic Cohort. Center for Open Science.
Schmidtke, Julia; Hetschko, Clemens; Eid, Michael; Lawes, Mario; Schöb, Ronnie & Stephan, Gesine
-
The impact of unemployment on cognitive, affective, and eudaimonic well-being facets: Investigating immediate effects and short-term adaptation.. Journal of Personality and Social Psychology, 124(3), 659-681.
Lawes, Mario; Hetschko, Clemens; Schöb, Ronnie; Stephan, Gesine & Eid, Michael
-
Arbeitslosigkeit und chronischer Stress: Was können wir aus Haarproben lernen? In-Mind Blog.
Lawes, M.
-
Collecting hair samples in online panel surveys: Participation rates, selective participation, and effects on attrition. Survey Research Methods, 18(2), 167–185.
Lawes, M., Hetschko, C., Sakshaug, J. W. & Eid, M.
-
Examining interindividual differences in unemployment-related changes in subjective well-being: The role of psychological well-being and re-employment expectations. European Journal of Personality, 39(1), 24-45.
Lawes, Mario; Hetschko, Clemens; Schöb, Ronnie; Stephan, Gesine & Eid, Michael
-
Feeling observed? A field experiment on the effects of intense survey participation on job seekers’ labor market outcomes. IZA Discussion Paper, 17347.
Stephan, G., Hetschko, C., Schmidtke, J., Eid, M. & Lawes, M.
-
Longitudinal associations between well‐being, hair cortisol, and self‐reported health. Applied Psychology: Health and Well-Being, 17(1).
Lawes, Mario & Eid, Michael
