Project Details
Projekt Print View

Sociophonetic investigations of the German multi-ethnolect

Subject Area Individual Linguistics, Historical Linguistics
Term from 2017 to 2022
Project identifier Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Project number 382673988
 
Final Report Year 2023

Final Report Abstract

Die spezifischen, von der Migration nach Deutschland angestoßenen sprachlichen Veränderungen im (jugendsprachlichen) Deutschen sind lange Zeit vor allem im Bereich der Grammatik und des Lexikons untersucht worden. Relativ wenig – wenn man von dem stereotypischen Merkmal der Koronalisierung („isch“ für „ich“) absieht – war über die Lautgestalt des Deutschen von Menschen mit sog. Migrationshintergrund bekannt, die nicht mehr zu den L2-Lernenden gehören, sondern Deutsch als L1 sprechen. Besonders fehlten akustisch-phonetische Untersuchungen. Das Projekt hatte zum Ziel, diese Forschungslücke zumindest teilweise zu füllen. Dazu sollte außerdem das Spektrum der untersuchten Großstädte über Berlin hinaus erweitert aufgehoben werden. Das Projekt, über das hier berichtet wird, basiert auf in Stuttgart erhobenen Daten. Es wurde eine Gruppe von 32 Jugendlichen, die Real- und Berufsschulen besuchten und zu deren sprachlichem Repertoire eine Vielzahl von Familiensprachen gehörten, einer Gruppe von 14 Jugendlichen mit weitgehend deutsch-monolingualen Spracherfahrungen gegenübergestellt. Der schulische und Schichtenhintergrund der Jugendlichen war vergleichbar. Im Zentrum stand die Analyse der Vokale, die um Untersuchungen zur Stimmhaftigkeit der Obstruenten sowie zur Koronalisierung von /ç/ ergänzt wurden. Die Ergebnisse zeigen zunächst, dass die untersuchten Jugendlichen der Kerngruppe kaum regionale Merkmale des Stuttgarter Deutsch annehmen. Ein Grund dafür kann in ihrem Alter und ihrer Sozialisation in Schulen und Nachbarschaften liegen, in denen aufgrund der hohen Immigrationsquote kaum regionale Sprechweisen zu hören sind. Wir wissen nicht, ob spätere Lebensphasen im Zug der Integration in das Arbeitsleben diese Tendenz umdrehen. Außerdem ergab sich, dass die Stuttgarter (multi-)ethnolektalen Sprechweisen nicht mit denen in Berlin übereinstimmen; so fehlt in Stuttgart die Koronalisierung weitgehend. Dies könnte auf eine regionale Differenzierung innerhalb des (Multi-)Ethnolekts hinweisen, die unabhängig von der dialektalen Differenzierung des Deutschen stattfindet. Schließlich lässt sich aus den Projektergebnissen ableiten, dass die in der Soziolinguistik übliche Bezeichnung „Multiethnolekt“, die eine einheitliche Sprechweise über verschiedene sprachliche und ethnische Hintergründe hinweg nahelegt, nicht als „pan-ethnisch“ interpretiert werden darf. Das wichtigste Merkmal, in dem sich die Kerngruppe von der Kontrollgruppe unterschied, nämlich die Zentralisierung des Vokalsystems, erwies sich als sensitiv für den sprachlichethnischen Hintergrund der Sprecher und Sprecherinnen. Bei vielen untersuchten Merkmalen erwies sich außerdem der Faktor „Gender“ als relevant; die männlichen Jugendlichen wichen stärker von den Jungen in der Kontrollgruppe ab als dies bei den Mädchen der Fall war.

Publications

 
 

Additional Information

Textvergrößerung und Kontrastanpassung