Heterogene Widerstandskulturen: Sprachliche Praktiken des Sich-Widersetzens von 1933 bis 1945
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Das Projekt „Heterogene Widerstandskulturen: Sprachliche Praktiken des Sich-Widersetzens von 1933 bis 1945“ hat ein zuvor in der Sprachwissenschaft vielfach festgestelltes Forschungsdesiderat, nämlich die randständige Untersuchung des Sprachgebrauchs in Widerstandsdokumenten umfassend bearbeitet. Im Projekt konnten musterhaft realisierte Praktiken und Verfahren des Widerstandshandelns identifiziert werden: Auf der Basis einer manuellen, pragmatisch orientierten Mehrebenenannotation von 140 Widerstandstexten sowie korpuslinguistischer Auswertungen eines Gesamtkorpus von 554 Texten ist es gelungen, die zentralen Linien oppositioneller, verbaler Handlungsweisen gegen die Hitler-Diktatur mit ihren spezifischen Milieubindungen, Visionen, Widersprüchen und Entwicklungen vor und während des Zweiten Weltkriegs herauszuarbeiten. Dabei zeigen sich zwischen den Gruppierungen des militärischen, bürgerlichen, kommunistischen, sozialistischen, kirchlich-religiösen und jugendlichen Widerstands hinsichtlich der Wahl der Kommunikationsformen/Textsorten und der sprachlichen Umsetzung erhebliche Unterschiede. Zwei Tendenzen konnten in verschiedenen Auswertungsschritten belegt werden: Die Anknüpfung an den jeweils eigenen milieuspezifischen Erfahrungshintergrund, der als Angelpunkt für die kritische Sicht auf die rassistisch-nationalistischen NS-Maßnahmen dient, und die Entwicklung neuer Sprachgebrauchsmuster, erkennbar z.B. in Phrasen wie der blutige Kretin Hitler, mit allen demokratischen Kräften in Europa, Stimme des wahren Deutschlands etc. Darüber hinaus prägen sich kommunikative Verfahren der Vergemeinschaftung oder der Polemik widerstandstypisch aus und ansatzweise entwickeln sich kurzfristig „Widerstandsgattungen“ wie z.B. Widerstandszeitungen im Exil. Diese oppositionellen Ausdrucksformen sind als Transformationen tradierter Textsorten für die Neukonstitution von Gruppen im und als Widerstand charakteristisch, teilweise bilden sie den Grundstein für den antifaschistischen Sprachgebrauch der Nachkriegszeit. Die Ergebnisse basieren auf Annotationen entlang eines von Schuster 2018 entwickelten mehrdimensionalen Kommunikationsmodells. Das Modell umfasst die Ebenen der Selbst- und Beziehungskonstitution, der Sachverhaltskonstitution und des Widersprechens und der Gegenwehr, die in innovativer Weise nicht nur unabhängig voneinander, sondern mehrfach überlappend markiert wurden, so dass soziokulturelle Muster für die einzelnen Widerstandskreise erkennbar geworden sind. Die jeweiligen Gruppierungen unterscheiden sich z.B. darin, in welcher Weise sie zum Widerstand auffordern, worauf sie in ihrer Argumentation Bezug nehmen oder auch in ihrer Art, Gegenöffentlichkeiten sprachlich herzustellen. Die Auswertung mehrschichtiger Sprachgebrauchsmuster des Appellierens, Argumentierens, Instruierens und Mobilisierens stellt darüber hinaus einen Bezug zu den politischen Diskursen und Traditionen her, in die Widerstandsargumente eingebettet sind. Sie korreliert Sprachliches mit Blick auf die Veränderbarkeit und Vielschichtigkeit von Widerstandsmotiven mit der Situation in Haft, in Kriegsgefangenschaft, im Exil etc. Die Projektergebnisse sind in einer Monografie, zwei Sammelbänden und weiteren Einzelpublikationen zusammengefasst.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
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Das sprachliche Widerstehen Hermann Kaisers. Zur linguistischen Aufarbeitung des Widerstands im Nationalsozialismus. In: Sprachwissenschaft, Jahrgang 43, Heft 4, 2018, S. 425–453
Markewitz, Friedrich
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Heterogene Widerstandskulturen zwischen 1933 und 1945 und ihre sprachlichen Praktiken – ein Projekt. In: Kämper, Heidrun/Schuster, Britt-Marie (Hrsg.): Sprachliche Sozialgeschichte des Nationalsozialismus (Sprache – Politik – Gesellschaft). Bremen, S. 27–52
Schuster, Britt-Marie
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„... und wenn etwas unglaubwürdig klingt, was man ihnen nachsagt, so könnt ihr versichert sein, daß es noch um die Hälfte hinter der Wahrheit zurückbleibt“. Wahr-Sagen als sprachliche Strategie des Widerstehens in Thomas Manns BBC-Reden. Zeitschrift für Angewandte Linguistik, 2019(71), 239-268.
Markewitz, Friedrich
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Die Widerstandszeitung?!. Jahrbuch für Germanistische Sprachgeschichte, 11(1), 191-210.
Graumann, Andrea & Wilk, Nicole M.
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Kommunikative Praktiken im Nationalsozialismus
Markewitz, Friedrich; Scholl, Stefan; Schubert, Katrin & Nicole M. Wilk
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Was bedeutet Ehre? Diskursethische Überlegungen zu den BBC-Reden Thomas Manns. In: Heidrun Kämper und Ingo H. Warnke (Hrsg.): Diskurs – ethisch. Bremen, S. 9–32
Markewitz, Friedrich; Schuster, Britt-Marie & Nicole M. Wilk
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Bedeutungsvarianz und sozialer Stil: Zum Umgang mit Tod und Sterben im Nationalsozialismus am Beispiel der Wortfamilie Blut. In: Christian Braun (Hrsg.): Sprache des Sterbens – Sprache des Todes. Linguistische und interdisziplinäre Perspektivierungen eines zentralen Aspekts menschlichen Daseins. Berlin / Boston: de Gruyter, S. 185–208
Schuster, Britt-Marie & Nicole M. Wilk
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Widersprechen als diskursive Praktik. Illustriert an der Widerstandskommunikation gegen den Nationalsozialismus (1933–1945). Protest, Protestieren, Protestkommunikation, 93-116. De Gruyter.
Schuster, Britt-Marie
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Arbeit. Im Nationalsozialismus, 383-412. V&R unipress.
Wilk, Nicole M.
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Argumentieren im Widerstand. Sprache in Politik und Gesellschaft, 179-196. De Gruyter.
Markewitz, Friedrich
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Blut. Im Nationalsozialismus, 367-382. V&R unipress.
Schuster, Britt-Marie & Wilk, Nicole M.
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Brief. Im Nationalsozialismus, 81-156. V&R unipress.
Dang-Anh, Mark; Scholl, Stefan & Schuster, Britt-Marie
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Denkschrift. Im Nationalsozialismus, 223-276. V&R unipress.
Markewitz, Friedrich & Schuster, Britt-Marie
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Flugblatt – Flugschrift. Im Nationalsozialismus, 177-222. V&R unipress.
Schuster, Britt-Marie
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Freiheit. Im Nationalsozialismus, 445-468. V&R unipress.
Markewitz, Friedrich & Wilk, Nicole M.
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Gegengemeinschaften bilden: Ein Beitrag zu einer linguistischen Geschichtsschreibung des Widerstands (1933–1945). Sprache in Politik und Gesellschaft, 141-158. De Gruyter.
Schuster, Britt-Marie
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Gemeinschaft/Volksgemeinschaft. Im Nationalsozialismus, 33-74. V&R unipress.
Kämper, Heidrun & Wilk, Nicole M.
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Im Nationalsozialismus. V&R unipress.
Kämper, Heidrun & Schuster, Britt-Marie
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Postkarte. Im Nationalsozialismus, 157-176. V&R unipress.
Schubert, Katrin
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Rede. Im Nationalsozialismus, 277-336. V&R unipress.
Kämper, Heidrun & Markewitz, Friedrich
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Tagebuch. Im Nationalsozialismus, 33-80. V&R unipress.
Kämper, Heidrun & Markewitz, Friedrich
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Verhör-, Geständnis- und Verteidigungspraktiken in den Hochverratsprozessen zum 20. Juli 1944 vor dem Volksgerichtshof. Im Nationalsozialismus, 283-306. V&R unipress.
Wilk, Nicole M.
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Wahr-Sagen im Widerstand. Im Nationalsozialismus, 331-350. V&R unipress.
Markewitz, Friedrich
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„Gegen die Hitlerdiktatur“ – Konstruktionsmuster des kollaborativen Widerstands zwischen 1933 und 1945. Sprache in Politik und Gesellschaft, 159-178. De Gruyter.
Wilk, Nicole M.
