Das marine Umweltbewusstsein. Wissen, Medien und Politik der belebten Unterwasserwelt (1870 bis 1980)
Neuere und Neueste Geschichte (einschl. Europäische Geschichte der Neuzeit und Außereuropäische Geschichte)
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Umweltwissen ist für das Verständnis des menschlichen Umgangs mit der Natur im 20. Jahrhundert von großer Relevanz. Dieses DFG-Projekt hat gezeigt, dass die Meeresforschung im Deutschen Kaiserreich eine wesentliche Rolle bei dessen Produktion spielte. Umweltwissen, so die erste These, entstand im späten 19. Jahrhundert an Bord von Forschungsschiffen. Umweltwissen, so die zweite These, verband sich mit den weltpolitischen Plänen des Deutschen Kaiserreichs. Diese Thesen wurden anhand von exemplarischen Analysen erhärtet: Im Zentrum standen die Expeditionen der SMS Gazelle in den Pazifik (1874-1876), des Dampfers National (1889) in den Atlantik und des Dampfers Valdivia (1898-1899) in den Indischen Ozean. Die Analyse leitete ein methodischer Ansatz, den Sverker Sörlin und Nina Wormbs unter dem Titel „Environing Technologies. A Theory of Making Environment“ entwickelten. Jede der oben genannten Expeditionen wurde mit dieser Theorie untersucht. Die erste Fallstudie befasst sich mit der Fahrt der SMS Gazelle. Sie wurde vom Hydrographischen Amt der Deutschen Marine ausgesandt. Die Reise der SMS Gazelle verband 1874 Meeresforschung mit den frühen kolonialen und weltpolitischen Plänen des Kaiserreichs: Die Presseberichterstattung zur Gazelle-Expedition dachte zum Beispiel die Kolonisierung Mikronesiens voraus. Die zweite Studie behandelt die Kieler Plankton-Expedition auf dem Dampfer National, die vom Preußischen Ministerium für Landwirtschaft, Domänen und Forsten ausgesandt worden ist (1889). Diese Reise lenkte die Aufmerksamkeit auf die Bedeutung, welche Plankton für die Fischbestände im Atlantik hatte. Zeitungs- und Zeitschriftenartikel über die Planktonexpedition, über Plankton und Planktonforschung vermittelten Umweltwissen über die wirtschaftliche Ertragsfähigkeit der Meere. Planktonforschung floß in die Pläne ein, die Fischerei in den deutschen Kolonien auszubauen. Ökologisches Wissen trug zur Formulierung von wirtschaftsimperialen Erschließungsplänen in Bezug auf den Atlantik bei. Die dritte Untersuchung beleuchtet die Deutsche Tiefsee-Expedition (1899- 1900). Sie wurde vom Reichsamt des Innern ausgesandt. Das Reichsamt des Inneren finanzierte auch die Veröffentlichung des Reiseberichts „Aus den Tiefen des Weltmeeres“ (1900/1903). Dem Buch lagen die Tagebuchaufzeichnungen des Expeditionsleiters Carl Chun zugrunde. Populäre Reiseberichte wie jener Chuns vermittelten Wissen über die Ökologie der Tiefsee und untermauerten die Weltmachtansprüche des Kaiserreichs im Hochimperialismus. Die Verschränkung von Meeresforschung und Weltpolitik zeigte sich im Engagement der Expeditionsteilnehmer, die als politische Experten dem Auswärtigen Amt und dem Reichskolonialamt Ratschläge zur Erschließung des Indopazifiks gaben. Mit dem Fokus auf die Verschränkung von Weltpolitik und Umweltwissen verweist das Projekt auf die Entstehung modernen Umweltwissens aus den machtpolitischen Kontexten des Imperialismus. Das Projekt versteht sich deshalb als Plädoyer für eine Historisierung von Umweltwissen, da „Umwelt“ in den aktuellen politischen und soziokulturellen Debatten meist als ahistorische, überzeitliche Deutungskategorie gebraucht wird, was wiederum einen sachlichen Umgang mit „Umweltproblemen“ (und deren Lösung) erschweren kann.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
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Exploring Ice and Snow in the Cold War. Ice and Snow in the Cold War, 3-19. Berghahn Books.
Herzberg, Julia; Kehrt, Christian & Torma, Franziska
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Geographies of Tropical Ecology: Place-Making in William Beebe’s Travel and Writing. Comparativ, 28(2), 42-55.
Torma, Franziska
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Hydrotopische Momente. Von Flaschenpost bis Fischreklame, 191-204. Böhlau Verlag.
Torma, Franziska
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Jenseits des „Blue Hole“: Zur Konsolidierung der Meere in der Geschichtswissenschaft. NTM Zeitschrift für Geschichte der Wissenschaften, Technik und Medizin, 28(1), 91-103.
Torma, Franziska
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„Wasser“. 100 Seiten, Stuttgart. (Serie 100 Seiten im Reclam-Verlag, Zielgruppe: breites Publikum). ISBN 978-3150205709 (Qualitätssicherung erfolgte durch Verlagslektorat).
Torma, Franziska
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A Cultural History of the Sea in the Global Age. Bloomsbury Publishing Plc.
Torma, Franziska
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Schiffe als environing technologies. Wasserrouten und Metageographien, in: Archiv für Mediengeschichte „Das Schiff“ 20, 9-16. ISBN-10 3-947238-44-4; ISBN-13 978-3- 947238-44-6
Torma, Franziska
