Kollektiv durch die Krise. Transformation von Herrschaft nach Stalin und Mao, 1952-1957 und 1975-1981
Asienbezogene Wissenschaften
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Die Einhegung totalitärer Alleinherrschaft ist ein überzeitliches Problem. In der Geschichte wie der Gegenwart haben Diktatoren übersteigerte Machtfülle auf sich vereint, Gewalt gegen fremde und eigene Gesellschaften gerichtet, unzählige Opfer gefordert und die Ordnungen, in deren Namen sie herrschten, in tiefes Chaos gestürzt. Lässt sich ein Herrscher zu Lebzeiten nicht stürzen, wird sein Tod zum Ermöglichungsmoment. Die Erben der Macht sind dann mit der Offenheit ihrer Zukunft konfrontiert, mithin der Frage, wie sie die Ordnung weiterführen wollen – ob konservieren oder transformieren. Stalins Nachfolger entschieden sich für den Wandel. In den Stunden vor seinem Tod orchestrierten sie den Machtübergang und leiteten die tiefgreifende Reform ihrer Herrschaftsgrundlagen ein. Alleinherrschaft, Willkür und Terror kamen im März 1953 an ein Ende. Drei Jahre später erklärte Anastas Mikojan, einer der engsten Weggefährten Stalins, dem chinesischen Diktator Mao Zedong, worin Moskaus Führung den Kern dieser Transformation verstand: „Eine starke Partei erlaubt, eine schwache Partei fürchtet,“ warb er für die Selbstzähmung kommunistischer Herrschaft. Während ihres Gesprächs im Herbst 1956 – zehn Jahre, bevor Mao die chinesische Kulturrevolution in Gang setzte – einigten sich Mikojan und Mao auf eine Mission: Sie entsandten eine Delegation nach Pjöngjang, um Kim Il-Sung das Morden auszutreiben. In Nordkorea scheiterte das Ansinnen. In der Sowjetunion und Jahre später in China entfaltete es eine beispiellose Wirkung. Denn auch nach Maos Tod 1976 entschied die Pekinger Parteiführung, die totalitäre Herrschaft hinter sich zu lassen. Dieser Wandel befriedete die Gesellschaften in der Sowjetunion und China und schuf die Grundlage für den Fortbestand ihrer kommunistischen Ordnungen. An den historischen Beispielen der Sowjetunion nach Stalin und China nach Mao demonstriert das Projekt, wie die Verwandlung einer totalitären, auf Gewalt und Willkür gründenden Ordnung in ein autoritäres, auf Stabilität und Gewissheiten erpichtes Regime vollzogen wurde. Auf Basis von Archivdokumenten aus Russland, China, den USA und Deutschland schlägt diese interdisziplinäre Forschung eine Neuperspektivierung auf zwei Ebenen vor: Sie stellt die Ordnungstransformation ins Zentrum und fragt nach ihren Dimensionen. In einer vergleichenden Verflechtungsgeschichte verbindet sie Moskaus und Pekings Selbstdisziplinierungsprozesse miteinander, um ihre wechselseitigen Abhängigkeiten zu rekonstruieren. Ohne das Abarbeiten am Anderen, argumentiert das Projekt, lässt sich der Wandel im Inneren nicht verstehen.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
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Crises in Authoritarian Regimes. Fragile Orders and Contested Power, Frankfurt am Main/New York: Campus Verlag. ISBN: 9783593514949
Jörg Baberowski & Martin Wagner
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Crises in Authoritarian Regimes: An Introduction, in: Jörg Baberowski und Martin Wagner (Hrsg.): Crises in Authoritarian Regimes: Fragile Orders and Contested Power, Frankfurt am Main/New York: Campus Verlag, S. 11–26. (zusammen mit Jörg Baberowski) ISBN: 9783593514949
Jörg Baberowski & Martin Wagner
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Wie endet Putins Herrschaft?, in: Neue Zürcher Zeitung, 10. Mai, S. 29.
Martin Wagner
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Excoriating Stalin, Criticizing Mao. The American Historical Review, 128(3), 1105-1143.
Wagner, Martin
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Kollektive Disziplinierung. Die Transformation totalitärer Herrschaft nach Stalin und Mao, Dissertation, Humboldt-Universität zu Berlin
Martin Wagner
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Stalins Tod und das Ende der Allmacht. Zur Transformation totalitärer Herrschaft, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 73:20–21, S. 35–40.
Martin Wagner
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Über die Trennung sprechen. Das Erbe der Entstalinisierung und das Ende der sino-sowjetischen Freundschaft 1963, in: Jörg Baberowski und Robert Kindler (Hrsg.): Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung, S. 75–92.
Martin Wagner
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8. Rediscovering Lenin, Reinventing the Collective: Revolutionary Ideals in Post-Stalinist and Post-Maoist Transitions. Dreams of Emancipation, 229-258. Academic Studies Press.
Wagner, Martin
