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Der konsumierende Staatsbürger als semantische Konstruktion neuer Partizipationsformen in der Bundesrepublik Deutschland

Fachliche Zuordnung Neuere und Neueste Geschichte (einschl. Europäische Geschichte der Neuzeit und Außereuropäische Geschichte)
Förderung Förderung von 2018 bis 2024
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 405222626
 
Erstellungsjahr 2024

Zusammenfassung der Projektergebnisse

Das Projekt untersuchte politischen Konsum in der Bundesrepublik nach 1970, die darin engagierten Akteuren und ihre Konsumentenbilder. Zeithistorische Diagnosen benennen für die Zeit nach dem Boom ab der Mitte der 1970er Jahre einen Übergang zur individualisierten Konsumentengesellschaft. Verbraucher tragen nach dieser Annahme seit den späten 1970er Jahren zu Zielsetzungen politischen Konsums bei und handeln damit auch als Staatsbürger. Daran knüpfte das Projekt an und fragte nach den Gruppen, die den politischen Konsum in der jüngsten Zeitgeschichte ermöglichten. Angesichts der zahlreichen Möglichkeiten an Themen und Konsumprodukten beschränkte es sich auf zwei Kernbereiche: ökologischer und alternativ-fairer Handel. Der zeithistorische Wandel um 1990 führte im alternativen bzw. fairen Handel dazu, dass Nächstenliebe und Solidarität kaum noch für die Konsumentenbilder genutzt wurden. Deutlich stärker ausgeprägt war nun das Vertrauen des Konsumenten in die Arbeit der fairen Importorganisationen. Vertrauenswürdigkeit war in der Praxis unentbehrlich aufgrund der zunehmend professionalisierten Vertriebsstrukturen. Der Kauf eines fair gehandelten Produktes erforderte kein Gespräch mit Weltladenmitarbeitern mehr, sondern lediglich das Wissen um ein Label. Damit wurde die Teilhabe des Konsumenten am fairen Handel erheblich vereinfacht. Wissen und in geringerem Umfang das verfügbare Budget verblieben in der Praxis als Schwellen für Verbraucher im fairen Handel. Der Abbau von Hürden durch eine Professionalisierung des Verkaufs lässt sich auch bei ökologischen Handelsformen für die Zeit um 1990 feststellen. Zu beachten ist hier der weitaus größere Umfang: Bereits 1986 brachte die Bundestagsfraktion der Grünen einen Gesetzesvorschlag zum Schutz von Bio-Produkten in den Bundestag ein und zu Beginn der 1990er Jahre Jahre spiegelte sich der Erfolg der Bio- Labels auch auf europäischer Ebene wider. Der Blaue Engel diente als Vorbild für die Ausarbeitung eines europäischen Öko-Labels im Non-Food-Bereich. Vor allem das UBA arbeitete hier mit einem Konsumentenbild, das auf Verantwortungsbewusstsein beruhte. So sei sich der Konsument über die Konsequenzen des eigenen Handelns bewusst und müsse daher mit verlässlichen Informationen über die verfügbaren ökologischen Alternativen beim Einkauf versorgt werden. Mit den Handelsausweitungen ging jedoch auch eine wachsende Ungleichheit in den Partizipationsmöglichkeiten einher, als Ehrenämter sich zu einer weniger tragenden Säule entwickelten. Sichtbar wurde diese Problematik bei den anspruchsvollen Weltläden und Lebensmittelkooperativen, deren Bilder des Konsumentenbürgers auch Selbstbilder waren. Die Entwicklung des politischen Konsums hin zur standardmäßigen Verwendung von Labels führte also zu einer Verbreiterung und gleichzeitig einer Verflachung der Möglichkeitsräume politischer Partizipation.

Projektbezogene Publikationen (Auswahl)

 
 

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