Continuation and Completion of the Project: "Transformation Processes in 6./12. Century Māturīdism: The Kitāb al-Kifāya fī l-hidāya fī ˁilm al-kalām of Nūr al-Dīn al-Ṣābūnī (died 580/1184)" BR 4087/3-1
Final Report Abstract
Den Ausgangspunkt des Forschungsprojekts bildete das arabische theologische Werk Kitāb al-Kifāya fī l-hidāya („Das ausreichende Maß an Rechtleitung“) des māturīditischen Gelehrten Nūr ad-Dīn aṣ- Ṣābūnī (gest 580/1184). Zwar steht diese sunnitische theologische Richtung, die auf den in ḥanafitischer Tradition stehenden Juristen und Theologen Abū Manṣūr al-Māturīdī (gest. 333/944) zurückgeführt wird, nicht mehr in dem Maße am Rand des Forschungsinteresses, wie es noch vor einigen Jahren der Fall war. Trotzdem besteht sowohl in Bezug auf das Textmaterial, das der Forschung in edierter Form zur Verfügung steht, als auch hinsichtlich der Aufarbeitung theologischer Inhalte der Māturīdiyya noch erheblicher Forschungsbedarf. Auf diesem Hintergrund fand die Projektarbeit auf verschiedenen Ebenen statt. Ein formales Ziel des Forschungsprojektes bestand in der Erweiterung der Textbasis, auf der eine weitere Beschäftigung mit māturīditischen Lehren erfolgen kann. Dazu wurde eine textkritische Edition des Kitāb al-Kifāya auf der Grundlage mehrerer Handschriften erstellt. Ein Fußnotenapparat zitiert zu einzelnen Kernaussagen aṣ-Ṣābūnīs unter anderem parallele Textstellen aus den Schriften al-Māturīdīs und seiner Nachfolger, was eine unmittelbare Verortung dieser Aussagen in der schriftlichen Tradition ermöglicht. Neben der editorischen Arbeit fand im Kontext der Projektarbeit auch eine Auseinandersetzung mit Inhalten des Kitāb al-Kifāya statt. Dabei wurde zunächst eine deutschsprachige Zusammenfassung des gesamten Textes erarbeitet, die sich an den Kapiteln und Abschnitten der arabischen Vorlage orientiert. Im Blickpunkt standen hier auch Angehörige der sich in den letzten Jahren weiter konsolidierenden bekenntnisgebundenen Studiengänge „Islamische Theologie“, „Islamische Studien“ o.ä., sowie Studierende und Forschende der allgemeinen Religionswissenschaft, denen auf diese Weise ein systematisches theologisches Werk auch ohne umfassende Kenntnisse des Arabischen zugänglich gemacht wurde. Ein zweiter Bereich der inhaltlichen Arbeit mit der edierten Schrift betrifft die Beleuchtung einzelner Themen, die innerhalb der islamischen Theologie besonders umstritten waren. Hierbei stand auf der einen Seite die Konstanz in der māturīditischen Denktradition im Fokus. Es wurde an zwei Beispielen demonstriert, wie sich Themen, durch die sich die māturīditische Theologie in besonders auffälliger Weise nicht nur von der Muʿtazila, sondern auch von der ašʿaritischen „Konkurrenz“ abhebt, durch die māturīditischen Schriften verfolgen lassen. Zwei weitere Themenbeispiele zeigten, dass auf der anderen Seite auch Transformationsprozesse innerhalb der māturīditischen Theologie stattgefunden haben, die eine Auseinandersetzung der Gelehrten mit ihrem breiteren geistesgeschichtlichen Umfeld, insbesondere den zunehmenden Einfluss philosophischer Systeme avicennischer Provenienz erkennen lassen. Insofern zeigte sich, dass diese Theologie zwar auf bestimmten unveränderlichen Grundlagen beruht, sich aber an die veränderlichen äußeren Kontexte anpassen und weiterentwickeln konnte. Neben dieser Monografie wurden einige Fachartikel erarbeitet, in denen einzelne Kapitel der Studie teilweise in englischer Sprache aufbereitet wurden und als Beiträge in Sammelbänden einer breiten Leserschaft zur Verfügung gestellt werden sollen. Einzelne Aspekte des Forschungsprojektes konnten auf internationalen Fachtagungen vorgestellt und diskutiert werden. Dabei zeigte es sich, dass auch im zentralasiatischen Ursprungsgebiet des Māturīditentums, insbesondere im heutigen Usbekistan, ein großes Interesse an der eigenen islamisch-theologischen Tradition besteht. Die Kontakte zu Fachkollegen aus diesem Gebiet, die während dieser Tagungen entstanden, erwiesen sich insbesondere für die Beschaffung von handschriftlichem Material als äußerst wertvoll. Dass die theologische Tradition auch als wichtiges Element einer nationalen Identität verstanden wird, beweist nicht zuletzt die Einladung zu einer Konferenz nach Samarkand. Die überregionale Bedeutung der aktuellen Māturīdīforschung zeigte sich auch auf einer Fachtagung in Ankara. Es ist jedoch nicht zu verkennen, dass wichtige Fragen offenbleiben mussten. So konnte im Rahmen des Forschungsprojekts die Einordnung der māturīditischen Theologie in einen weiteren geistesgeschichtlichen Kontext, insbesondere die Bedeutung philosophischer Diskurse für die Ausarbeitung epistemologischer und ontologischer Grundlagen für diese Theologie, lediglich in Ansätzen diskutiert werden. Eine Untersuchung dieser Zusammenhänge könnte wertvolle Beiträge nicht nur für die Erforschung einzelner Felder der islamischen Theologie, sondern auch für eine genauere Bestimmung der Rolle islamisch-philosophischer Diskurse für die Entwicklung rationaler theologischer Systeme im Allgemeinen, der māturīditischen Theologie im Besonderen leisten. Daneben gilt es noch genauer zu erforschen, wie sich die māturīditische Theologie über die hier skizzierte konstituierende Phase hinaus entwickelte und etwa in mongolischer und osmanischer Zeit rezipiert wurde. Auch das Schrifttum außerhalb der zentralasiatischen Regionen und der Türkei ist sicherlich eine nähere Betrachtung wert, etwa der Handschriftenbestand bosnischer Bibliotheken. Die Existenz der hier entstandenen Abschrift des Kitāb al-Kifāya zeigt, dass auch in diesem Raum Auseinandersetzungen mit māturīditischer Theologie stattgefunden haben, die nicht einmal in Ansätzen erforscht sind.
Publications
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„Traditional and modern Approaches to al-Māturīdī’s Epistemology”. In: Matüridi: Kayıp Aydınlanmanın/Mâturîdî: Tracing the Lost Enlightenment. Ankara: OTTO Yayınları, 2020, 61-71.
Şaban Ali Düzgün
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Tradition und Transformation in der Māturīdiyya des 6./12. Jahrhunderts. BRILL.
al-Ṣābūnī, Nūr al-Dīn
