Anstandsbücher, Etiquette Books und Traités de Savoir-Vivre 1870–1930: Verhaltensratgeber als politische Medien?
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Anstandsbücher waren zwischen 1870 und 1930 in Deutschland, Frankreich und Großbritannien politische Medien. Trotz überraschend mangelhaften Bibliographien und gravierenden Beschaffungsproblemen konnten 204 Ausgaben von 106 zeitgenössischen Publikationen untersucht werden, die inhaltlich unerwartet komplex ausfielen. Sie erwiesen sich als Ratgeber für unterschiedlichste katholische und evangelische, konservative und liberale, regional begrenzte und übergreifende, auch generationenmäßig oder berufsständisch abgegrenzte, dabei nach außen defensiv-separierte oder selbstbewusst-offene Teilkulturen. Ihnen dienten 60% der untersuchten Werke zur Selbstvergewisserung und Stabilisierung vor dem Hintergrund rascher Fortentwicklungen in Staat und Gesellschaft. Weitere 15% avisierten lagerübergreifende Leserschaften, die lediglich weltanschauliche Extreme ablehnten. Als unpolitisch erwiesen sich 25%, vor allem Benimmbücher aus Frankreich, wo das grosso modo dominierende laizistisch-republikanische Lager im Gegensatz zum katholischen keine zusätzliche publizistische Unterstützung benötigte. In Deutschland und Großbritannien waren die Kräfteverhältnisse ausgeglichener, was unpolitische Umgangslehren selten machte. Einschneidende Zäsuren - der Erste Weltkrieg für Deutschland und England, in Frankreich überraschenderweise die Trennung von Kirche und Staat 1905/06 - änderten an diesen Relationen prinzipiell nichts. Allerdings zeigt sich ein leichter Trend zu weltanschaulich breiter ausgerichteten Leserschaften, vor allem in Deutschland, wo die Nöte der Weimarer Zeit vielfach den Wunsch nach stärkerem sozialen Zusammenhalt weckten. Unangesehen nationaler Besonderheiten ist aber als zentrales Kennzeichen der Etiketteliteratur festzuhalten, dass sie einerseits kleinere, konservative Soziokulturen, die durch Modernisierungstendenzen bedroht waren, bei Zusammenhalt und Selbstbehauptung unterstützte, andererseits größeren, liberal bzw. „fortschrittlich“ orientierten Gesellschaftsformationen als Wegweiser durch die neuen Zeiten diente. Urheber- und Rezipientenseite konnten aufgrund verschiedener Hemmnisse nicht archivalisch erforscht werden. Die Erschließung ihrer Absichten und Erwartungen mit Hilfe von Forschungsliteratur brachte dennoch bemerkenswerte Ergebnisse: Während in Deutschland Verleger und Autoren Benimmbücher vor allem aufgrund enger konfessioneller und parteipolitischer Bindungen gestalteten, waren die französischen Urheber zwiegespalten zwischen weltanschaulicher Treue und ökonomischen Erwägungen; letztere dominierten den britischen Markt, wo mancher Verlag mehrere, völlig unterschiedlich gefärbte Etikettebücher veröffentlichte. Die spezifischen Merkmale des jeweiligen nationalen Buchwesens spiegeln sich mithin auch in diesem Genre wider. Nachgefragt wurden politische Anstandsbücher indessen überall, wobei das Publikum in Deutschland zumeist alteingeführte Werke bevorzugte und angepasste Neuauflagen erwartete, in Großbritannien dagegen allem Anschein nach überwiegend ältere durch neue, weltanschaulich kompatible ersetzt sehen wollte, in Frankreich wiederum eine Mittelposition einnahm. Politische Etikettebücher wurden also offenbar zielgerichtet angeboten und gekauft. Damit kann das Massenmedium Anstandsliteratur als Ergänzung zu genuiner Weltanschauungsliteratur für diverse "Milieus" eingeordnet werden, als Teil einer "Säule" neben der Tagespresse. Das Bild der politischen Medien um 1900 und ihrer soziopolitischen Funktion wird so um einen wesentlichen, bislang unbekannten Aspekt bereichert.
