Praktiken der Sorge im Wandel. Alltägliche Sorgearbeit mit Säuglingen und Kleinkindern in den langen 1970er Jahren im deutsch-deutschen Vergleich
Neuere und Neueste Geschichte (einschl. Europäische Geschichte der Neuzeit und Außereuropäische Geschichte)
Wissenschaftsgeschichte
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Der Alltag mit Kleinkindern in der Familie und in Betreuungseinrichtungen ist geprägt von Pflege- und Versorgungshandlungen wie Wickeln, Füttern, Schlafen oder Spielen. Diese Handlungen dienen zwar der Befriedigung elementarer Bedürfnisse von Kindern, sind aber keineswegs konstant und unumstritten. Im Zentrum des Forschungsprojektes steht die wissenschaftliche und pädagogische Auseinandersetzung mit den Pflegepraktiken und dem Alltag von Kleinkindern in der DDR und der BRD. In Untersuchungen des Instituts für Hygiene des Kindes- und Jugendalters (DDR) und im wissenschaftlichen Begleitprogramm des Modellprojekts Tagesmütter (BRD) wurde der Alltag mit Kleinkindern intensiv reflektiert und versucht, Erzieherinnen und Tagesmüttern neue bzw. andere Umgangsweisen zu vermitteln. Die Recherchen ergaben, dass in beiden deutschen Staaten in den 1960er Jahren die ganzheitliche Entwicklung des Kleinkindes stärker in den Fokus rückte und die Erzieherinnen/Tagesmütter diese Entwicklung durch intensive Kommunikation, emotionale Zuwendung und vielfältige Anregungen fördern sollten. In beiden Projekten wurde den Tagesmüttern und Erzieherinnen die Verantwortung übertragen, ihre Aufgaben nicht nur schematisch abzuarbeiten, sondern sich in besonderem Maße dem einzelnen Kind zuzuwenden und auf seine Bedürfnisse einzugehen. Deutliche Unterschiede lassen sich bei der Umsetzung der Anforderungen und der Vermittlung des dafür notwendigen Wissens feststellen. In der DDR herrschte ein hierarchisch-autoritäres Verständnis von Lernprozessen vor, das zur Folge hatte, dass auch den Erzieherinnen Handlungsweisen und kindliche Bedürfnisse kleinschrittig vorgegeben wurden. Im Modellprojekt Tagesmütter - in deutlichem Kontrast zur auch in der Bundesrepublik verbreiteten Krippenpädagogik - sollten die Erzieherinnen ihre Erziehungsarbeit durch Reflexion und eigenständige Auseinandersetzung mit pädagogischen Schriften verändern. Der historische Blick auf die Kleinkindbetreuung erhält seine besondere Bedeutung erstens durch die Pfadabhängigkeiten und Strukturen, die in den 1970er Jahren geschaffen wurden, und zweitens durch die Erfahrungen, die hier erstmals mit der Kleinkindbetreuung in der Breite der Gesellschaft gemacht wurden. Mit der organisatorischen Anbindung an die Familienpflege wurden für den Bereich der Tagespflege zentrale Weichen gestellt, die im Bereich der Tagespflege bis heute nachwirken und dazu geführt haben, dass progressive Inhalte mit struktureller Kontinuität erkauft wurden. So steht auch heute noch, wie im Modellversuch, individuelles Engagement einer geringen Professionalisierung gegenüber und familiäre Geborgenheit geht mit geringer ökonomischer Sicherheit einher. Ähnlich wie in der DDR hat die Kindertagesbetreuung im U3-Bereich seit den 2000er Jahren stetig zugenommen und bestimmt bald das Leben von mehr als der Hälfte der Kinder. Nicht nur aus entwicklungspsychologischer Perspektive erscheint eine historische Aufarbeitung dieser Erfahrungen sinnvoll. Neben der kritischen Auseinandersetzung mit autoritären staatssozialistischen Erziehungsprogrammen boten die historischen Untersuchungen die Möglichkeit, Studien zur Verbreitung und Prävention von Erkrankungen in der frühen Kindheit historisch zu vertiefen. Sie verdeutlichten die begrenzten Möglichkeiten, in das Krankheitsgeschehen im Kleinkindalter einzugreifen.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
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Projektvorstellung bei Kolloquium Prof. Köster, Universität Halle-Wittenberg September 2019: Soziale Beziehungen am Übergang. Krippenforschung in der DDR der 1970er Jahre zur Eingewöhnung von Kindern in die Kinderkrippe, Jahrestagung der GWMT.
Gawlich, Max
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Sorgearbeit, Reproduktion, Hausarbeit oder Affective Labour. Das Modellprojekt „Tagesmütter“ im Feld der Frauenarbeit, Kolloquium Prof. Arni & Prof. Lengwiler Universität Basel.
Gawlich, Max
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Sorgeregime in BRD und DDR: Parallelen und Unterschiede, in: Zeit mit (Groß-)Vätern. Elternschaft nach dem Boom
Gawlich, Max
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Das Töpfchenbild und die Körpergeschichte des Kleinkinds, in Bosch, Johannes, Fesenbeckh, Jakob und Patzel-Mattern, Katja (Hrsg.): Studienbuch Körpergeschichte, Heidelberg 2022, S. 133- 147.
Gawlich, Max
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Forschungsüberblick Geschichte der frühen Kindheit im 20. Jahrhundert, Early Childhood in Europe since 1945, Universität Heidelberg.
Gawlich, Max
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Visual History. Der Körper als Gegenstand des historischen Sehens, in: Bosch, Johannes, Fesenbeckh, Jakob und Patzel-Mattern, Katja (Hrsg.): Studienbuch Körpergeschichte, Heidelberg 2022, S. 125-132.
Gawlich, Max
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Catching up with Reflexive Childhood? Young Children during the East German Transformation and in Contemporaneous Research, From Birth To Death: Age and Ageing in the Postsocialist Transformation, HAIT Dresden.
Gawlich, Max
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Podcast: Kindergeschichten in Hypotheses.org
Gawlich, Max
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Geschichte der Kindheit im geteilten Deutschland 1949–1989. utb GmbH.
Fuhrich, Gina; Patzel-Mattern, Katja & Gawlich, Max
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Planmäßig zur sozialistischen Persönlichkeit. Organisierte Kinderbetreuung in Kinderkrippen der DDR, Geschichte der Kindheit im geteilten Deutschland 1949–1989. S. 105-118.
Gawlich, Max
