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Praktiken der Sorge im Wandel. Alltägliche Sorgearbeit mit Säuglingen und Kleinkindern in den langen 1970er Jahren im deutsch-deutschen Vergleich

Antragsteller Dr. Max Gawlich
Fachliche Zuordnung Allgemeine und Historische Erziehungswissenschaft
Neuere und Neueste Geschichte (einschl. Europäische Geschichte der Neuzeit und Außereuropäische Geschichte)
Wissenschaftsgeschichte
Förderung Förderung von 2019 bis 2024
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 416562950
 
Erstellungsjahr 2024

Zusammenfassung der Projektergebnisse

Der Alltag mit Kleinkindern in der Familie und in Betreuungseinrichtungen ist geprägt von Pflege- und Versorgungshandlungen wie Wickeln, Füttern, Schlafen oder Spielen. Diese Handlungen dienen zwar der Befriedigung elementarer Bedürfnisse von Kindern, sind aber keineswegs konstant und unumstritten. Im Zentrum des Forschungsprojektes steht die wissenschaftliche und pädagogische Auseinandersetzung mit den Pflegepraktiken und dem Alltag von Kleinkindern in der DDR und der BRD. In Untersuchungen des Instituts für Hygiene des Kindes- und Jugendalters (DDR) und im wissenschaftlichen Begleitprogramm des Modellprojekts Tagesmütter (BRD) wurde der Alltag mit Kleinkindern intensiv reflektiert und versucht, Erzieherinnen und Tagesmüttern neue bzw. andere Umgangsweisen zu vermitteln. Die Recherchen ergaben, dass in beiden deutschen Staaten in den 1960er Jahren die ganzheitliche Entwicklung des Kleinkindes stärker in den Fokus rückte und die Erzieherinnen/Tagesmütter diese Entwicklung durch intensive Kommunikation, emotionale Zuwendung und vielfältige Anregungen fördern sollten. In beiden Projekten wurde den Tagesmüttern und Erzieherinnen die Verantwortung übertragen, ihre Aufgaben nicht nur schematisch abzuarbeiten, sondern sich in besonderem Maße dem einzelnen Kind zuzuwenden und auf seine Bedürfnisse einzugehen. Deutliche Unterschiede lassen sich bei der Umsetzung der Anforderungen und der Vermittlung des dafür notwendigen Wissens feststellen. In der DDR herrschte ein hierarchisch-autoritäres Verständnis von Lernprozessen vor, das zur Folge hatte, dass auch den Erzieherinnen Handlungsweisen und kindliche Bedürfnisse kleinschrittig vorgegeben wurden. Im Modellprojekt Tagesmütter - in deutlichem Kontrast zur auch in der Bundesrepublik verbreiteten Krippenpädagogik - sollten die Erzieherinnen ihre Erziehungsarbeit durch Reflexion und eigenständige Auseinandersetzung mit pädagogischen Schriften verändern. Der historische Blick auf die Kleinkindbetreuung erhält seine besondere Bedeutung erstens durch die Pfadabhängigkeiten und Strukturen, die in den 1970er Jahren geschaffen wurden, und zweitens durch die Erfahrungen, die hier erstmals mit der Kleinkindbetreuung in der Breite der Gesellschaft gemacht wurden. Mit der organisatorischen Anbindung an die Familienpflege wurden für den Bereich der Tagespflege zentrale Weichen gestellt, die im Bereich der Tagespflege bis heute nachwirken und dazu geführt haben, dass progressive Inhalte mit struktureller Kontinuität erkauft wurden. So steht auch heute noch, wie im Modellversuch, individuelles Engagement einer geringen Professionalisierung gegenüber und familiäre Geborgenheit geht mit geringer ökonomischer Sicherheit einher. Ähnlich wie in der DDR hat die Kindertagesbetreuung im U3-Bereich seit den 2000er Jahren stetig zugenommen und bestimmt bald das Leben von mehr als der Hälfte der Kinder. Nicht nur aus entwicklungspsychologischer Perspektive erscheint eine historische Aufarbeitung dieser Erfahrungen sinnvoll. Neben der kritischen Auseinandersetzung mit autoritären staatssozialistischen Erziehungsprogrammen boten die historischen Untersuchungen die Möglichkeit, Studien zur Verbreitung und Prävention von Erkrankungen in der frühen Kindheit historisch zu vertiefen. Sie verdeutlichten die begrenzten Möglichkeiten, in das Krankheitsgeschehen im Kleinkindalter einzugreifen.

Projektbezogene Publikationen (Auswahl)

 
 

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