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Digitale Entfremdung und Aneignung von Arbeit: Entfremdungserfahrungen in digitaler Dienstleistungsarbeit

Fachliche Zuordnung Empirische Sozialforschung
Soziologische Theorie
Förderung Förderung von 2019 bis 2023
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 417199683
 
Erstellungsjahr 2024

Zusammenfassung der Projektergebnisse

Im digitalen Zeitalter lassen sich alte und neue Formen der Entfremdung identifizieren. Auf der Basis von 92 Interviews mit Beschäftigten in hochqualifizierten, qualifizierten und geringqualifizierten Tätigkeiten konnten wir Einblicke in die alltäglichen Arbeitserfahrungen von Beschäftigten gewinnen. Das Bild von fragmentierter und tayloristischer Arbeit als Inbegriff von Entfremdung ist, wie wir gezeigt haben, zu ergänzen um weitere Formen der Entfremdung. Hierzu zählt die paradoxe Entfremdung, die bereits im Kontext der Debatte um die ‚falsche Aufhebung der Entfremdung‘ (Kocyba 2000) verhandelt wurde und die sich dadurch auszeichnet, dass Entfremdung auch unter Rahmenbedingungen von Selbstverwirklichung und Autonomie auftreten kann. Charakteristisch für das digitale Zeitalter ist die algorithmisch-abstraktifizierende Entfremdung, die darin besteht, dass die Arbeit in Auseinandersetzung mit digitalen Technologien abstrakt und opak erscheint und Leistungsaufwände sich als nutzlos erweisen können, was den inneren Bezug zur Arbeit erschwert. Entfremdung erfährt somit einen Gestaltwandel: Alle drei beschriebenen Formen sind präsent und existieren über die verschiedenen Beschäftigtengruppen hinweg nebeneinander. Und alle Entfremdungsformen sind in digitaler Arbeit unmittelbar mit neuen Technologien verstrickt. Die beschriebenen Entfremdungserfahrungen ermöglichen ein tieferes Verständnis von problematischen Arbeitserfahrungen im digitalen Kapitalismus. In 13 virtuellen Gruppendiskussionen ging es zudem um die Frage, inwieweit der Begriff der Entfremdung als Kategorie der Kritik in der Alltagsprache genutzt wird und wie Entfremdungserfahrungen und Aneignungsbemühungen von hochqualifizierten Beschäftigten im Homeoffice vor dem Hintergrund der Pandemie ausfallen. Es konnte gezeigt werden, dass besonders die Entfremdung von anderen in der Wahrnehmung der Teilnehmenden eine große Rolle spielt. Durch den fehlenden Kontakt mit den Kolleg*innen erlebten viele einen Gemeinschafts- und Resonanzverlust. Des Weiteren zeigten sich zahlreiche Strategien der Sinnfindung, die die Befragten nutzen, um den Sinn ihrer Arbeit aufrecht zu erhalten. Dazu gehörte beispielsweise, neue Zugehörigkeiten herzustellen, insbesondere über neue Kontakte im virtuellen Raum. Die Befragten betrachteten die Krise überwiegend als Lernchance. Ein letzter wichtiger Befund war, dass vor dem Hintergrund der Pandemie Beschäftigte Sinn auch jenseits der Arbeit gesucht und auch gefunden haben. Es deutet sich in den Gruppendiskussionen an einigen Stellen eine Dezentrierung von Erwerbsarbeit an, die in der Arbeitssoziologie seit geraumer Zeit immer wieder diskutiert wird.

Projektbezogene Publikationen (Auswahl)

 
 

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