Geist und Imagination
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Am Anfang des Projekts standen zwei Hypothesen: Die erste lautete, dass die Vorstellungskraft in unserer menschlichen Lebensform eine weit umfangreichere und tiefgreifendere Rolle spielt, als gewöhnlich angenommen wird. Die zweite Starthypothese besagte, dass unsere Vorstellungskraft – gerade gemessen an ihrem Gewicht für unsere Lebensform – noch erstaunlich lückenhaft philosophisch verstanden ist. Entsprechend verfolgte das Projekt zwei Ziele: Erstens spürten wir der Vorstellungskraft in ausgewählten Bereichen unserer Lebensvollzüge nach: im Wahrnehmen, im Handeln und (vor allem) im Selbst- und Fremdverstehen. Zweitens versuchten wir – parallel zu einzelnen Analysen des Wirkens der Vorstellungskraft – dazu beizutragen, die Natur dieses Vermögens weiter aufzuklären. Einige Bemerkungen zum ersten Ziel: Im Lauf unserer Arbeit entwickelte sich die Analyse der Rolle der Vorstellungskraft im Verstehen von Personen zu einem Projektschwerpunkt – und zwar sowohl im Verstehen anderer Personen (Fremdverstehen) als auch im Selbstverstehen. So versuchten wir für den Fall des Fremdverstehens erstens den Einsatz der Vorstellungskraft vor allem im sogenannten emphatischen Verstehen möglichst präzise herauszuarbeiten und zweitens zu bestimmen, unter welchen Bedingungen ein solches Verstehen gelingen kann. Um dies zu leisten, mussten vor allem drei Aspekte eines solchen Verstehens aufgeschlüsselt und erhellt werden: der Verstehensprozess selbst – aller Voraussicht nach eine Art von Simulation; die Form(en), die ein solches Verstehen annehmen kann (phänomenales Wissen, propositionales Wissen oder ein von Wissen verschiedenes Verstehen); und zudem der Gegenstand des Verstehens – insbesondere verschiedene Arten von mehr oder weniger komplexen Erfahrungen. Zu dem skizzierten und verteidigten Bild gehört insbesondere, dass dieser Verstehensprozess auf einen epistemisch kontrollierten Einsatz von sinnlichen Vorstellungen angewiesen ist. Zudem wurde geltend gemacht, dass ein umfassendes Verstehen, sollte es erfolgreich sein, involviert, nachvollziehen zu können, wie es ist, die betreffende Erfahrung zu machen (eine Art ›Nachfühlen‹). Auch glauben wir, gute Gründe dafür zusammengetragen zu haben, dass ein solches Verstehen, so prekär es oft sein mag, durchaus gelingen kann. Es gibt natürlich nicht unerhebliche Herausforderungen, wie etwa den Vollzug einer Art von ›Perspektivwechsel‹ und die imaginative Überwindung der Fremdheit der Erfahrung der anderen Person. Wir sehen darin aber keine prinzipiellen Hürden für ein solches (emphatisches) Verstehen. Die Neufokussierung des Projekts auf Verstehensprozesse zeigt sich, wie bereits angedeutet, auch in der Untersuchung der Rolle sinnlicher Vorstellungen für das Selbstverständnis. Die leitende Idee besagt, dass sinnliche Vorstellungen aufgrund ihrer Erlebnisqualität eine affektive Signifikanz aufweisen, die uns dabei helfen kann, ein angemessenes Wissen über unsere Präferenzen zu entwickeln – gerade in Kontexten von Entscheidungen, die mit sogenannten transformativen Erfahrungen verbunden sind (etwa die Entscheidung, Eltern sein oder in einer fremden Kultur leben zu wollen). Noch einige Bemerkungen zum zweiten Ziel – der dezidiert grundbegrifflichen Arbeit zur Frage der Natur von Vorstellungen und der Vorstellungskraft: Wir hatten uns vorgenommen, hier zwei grundlegend verschiedene theoretische Strategien als sich ergänzende Antworten zu verfolgen: Zum einen versuchten wir, ausgehend von Aristoteles‘ Bemerkung, wahrnehmende und sich bewegende Tiere seien auch vorstellende Tiere, die Funktion – und insofern auch die Natur – der Vorstellungskraft für Lebewesen zu bestimmen. Der theoretische Rahmen hierfür wurde von einer naturalistischen bottom-up-Strategie gestiftet. Zum anderen verteidigten wir die Idee (eher Element einer sogenannten top-down-Strategie), dass Vorstellungen bei selbstbewussten menschlichen Lebewesen aufgrund ihrer begrifflichen Fähigkeiten als bereits transformiert konzipiert werden sollten. Solche sinnlichen Vorstellungen sind begrifflich strukturierte mentale Handlungen – insofern nichts, was wir mit nicht-menschlichen Tieren teilen, sondern Spezifika unserer menschlichen Lebensform.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
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»How to Choose a Horse – in Pretend Play«, in: Junkyard of the Mind, 1.9.2021
Backhaus, Eva Lucia
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Der menschliche Blick - über den Zusammenhang von Wahrnehmen und Handeln. University Library J. C. Senckenberg.
Backhaus, Eva Lucia
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»Remarks on the Epistemic Role of Sensory Imaginings«, in: Junkyard of the Mind, 2.11.2022
Reuter, Gerson
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Concurring Emotions, Affective Empathy, and Phenomenal Understanding. Passion: Journal of the European Philosophical Society for the Study of Emotions, 1(2), 108-124.
Werner, Christiana
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Empathic Understanding. Empathy’s Role in Understanding Persons, Literature, and Art, 1-22. Routledge.
Petraschka, Thomas & Werner, Christiana
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»Immaginazione e λόγος«, in: C. Diotto, M. Ophälders (Hg.). Formare per trasformare. Milano: Mimesis (2023), S. 69-98.
Gregorio, Serena
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»What does it mean to understand someone? Conference report«, in: Junkyard of the Mind, 11.10.2023
Gregorio, Serena
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“Tell me, how does it feel?”. Empathy’s Role in Understanding Persons, Literature, and Art, 174-196. Routledge.
Werner, Christiana
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Imagination and its role in understanding the experiences of others. Imagination and Experience, 318-345. Routledge.
Reuter, Gerson & Vogel, Matthias
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On Mary's colour perception and soldiers at war – the knowledge we gain from complex experiences. Imagination and Experience, 198-214. Routledge.
Werner, Christiana
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Simulating experiences: unjust credibility deficits without identity prejudices. Philosophical Explorations, 27(2), 197-211.
Werner, Christiana
