Text und Kon-Text. Strukturen der Editionsgeschichte von Texten der mittelalterlichen Philosophie und ihrer Nachbardisziplinen
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Während die Editionsgeschichte von Texten bisher vorwiegend bei einzelnen Texten verfolgt wurde und dies zumeist in den Händen von Editoren lag, wird sie in diesem Projekt zu einem wesentlichen Moment in der Erschließungsgeschichte der mittelalterlichen Texte der Philosophie und ihrer angrenzenden Gebiete insgesamt. Es wird der Aspekt der Korrektur - seit wann wird ein Text einem bestimmten Autor zutreffend zugewiesen? - ergänzt durch den Aspekt der Rezeption: Unter welchen (falschen) Zuweisungen wird ein Text gelesen und welches Bild ergibt sich etwa von einem der großen Autoren, wenn eine beträchtliche Anzahl von Schriften, die in den großen Werkausgaben der frühen Zeit enthalten sind, ihnen gar nicht zugehört, echte Texte also in einem umfänglichen Kon-Text unechter Werke stehen? Das führt zum einen zu den spezifizierten Untersuchungen, die sortiert nach unterschiedlichen Gesichtspunkten (Autorengruppen, Textgruppen, Editionsformen), zum anderen aber zu einer philosophiehistorischen Untersuchung, die den Begriff des Autors im mittelalterlichen Kontext genauer zu bestimmen sucht. Dies geschieht im Ausgang von sehr unterschiedlichen, aber jeweils spezifischen Konstellationen wie Kommentarprologe (zu Aristoteles-Werken ebenso wie zu biblischen Büchern), Autobiographien, Werkkataloge, Verteidigungsschriften etc. Hier zeigt sich, dass der Begriff des Autors sich nicht in ein Schema von vormodern / modern einfügen lässt, sondern sich in der Philosophie des Mittelalters durchaus unterschiedlich akzentuierte Autorenbegriffe erheben lassen. Überraschungen waren bei der Neukonzeption der Datenbank zu verzeichnen, deren Komplexität auch von den beteiligten Fachleuten aus der IT-Branche unterschätzt worden ist. Auch die Erfordernisse der formalen Vereinheitlichung des bisherigen Materials haben sich als höher erwiesen als im Vorfeld unterstellt. Solche Vereinheitlichungen haben die lateinische Orthographie, aber auch die Signatur-Kennzeichnungen der Handschriften sowie die Rubriken der Textsorten betroffen. Diese Verzögerungen sind allerdings auch der Neuerfassung von Texteditionen und Übersetzungen zugutegekommen, die nicht nur systematischer, sondern auch deutlich länger als im ursprünglichen Zeitplan des Projekts vorgesehen durchgeführt werden konnten. Als eine Überraschung im ausgesprochen positiven und produktiven Sinne müssen die Untersuchungen zum mittelalterlichen Begriff des Autors angesehen werden. Die Arbeitshypothese eines vormodernen Autorkonzeptes, in dem nur die Urheberschaft im Blick steht, zu dem dann in der Moderne die das einzelne Werk übergreifende Idee, Intention und Stilform getreten ist, ist im Zuge der Textuntersuchungen immer weiter korrigiert worden. Es hat sich gezeigt, dass derselbe Autor im Umgang mit verschiedenen anderen Autoren durchaus unterschiedliche Momente berücksichtigt, so dass bei der Eruierung der verschiedenen mittelalterlichen Autorbegriffe gerade nicht der einzelne Autor, sondern die spezifischen Textsorten den Ansatzpunkt zu bilden haben. Die spätere idealistische Überhöhung des Autors hat ebenso wenig eine mittelalterliche Antizipation wie die poststrukturalistische totale oder weitgehende Destruktion des Autorbegriffs. Die überaus weitläufigen Untersuchungen zu Fragen der Echtheit von Texten, die in diesem Projekt ausgiebig herangezogen werden mussten, operieren entsprechend dem vieldimensionalen Autorbegriff auch mit einem durchaus pluralen und keineswegs binären Begriff von Authentizität. Ein Werk kann zwar in vielen regulären Fällen einem Autor abgesprochen werden, aber wenn etwa nur Nachschriften von Abschriften überliefert sind, kann man nicht im selben Sinne von Echtheit sprechen.
