Revision des Surrealismus in den 1940er/1950er Jahren - Die Künstlerin Kay Sage (1898-1963) und der "amerikanische Traum"
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Am Anfang des Projekts stand die Überzeugung, dass die Kunstgeschichte des Surrealismus einer Revision bedarf, die gendersensibel und netzwerkorientiert ansetzt. Nur so kann es gelingen, der Fülle der Akteur:innen, ihrer Herkünfte und Handlungsspielräume und der Komplexität der künstlerischen Phänomene in einer von Krieg, Flucht und Exil geprägten Zeit gerecht zu werden und die Künste der 1940er/50er Jahre als „entangled history“ und „Nachkriegsgefüge“ (Lange 2023) zu begreifen. Der Surrealismus besaß als Kunstrichtung, soziale Gruppe und Aktionsrahmen eine wichtige Mittlerfunktion sowohl innerhalb Europas als auch und vor allem im transatlantischen Raum. Im Zentrum des Projekts stand deshalb die US-amerikanische Surrealistin Kay Sage, die sich auch in Europa beheimatet fühlte. Ihr medial vielfältiges Werk ist ein bislang zu wenig beachteter Beitrag zum Surrealismus, dessen motivisch-ästhetisches Repertoire es signifikant erweitert und semantisch anreichert. Das gilt insbesondere für Sages bildkünstlerische Darstellung von Räumlichkeit, von Verhüllung und Enthüllung, Sichtbarkeit und Verborgenheit. Sie adressiert damit Kernthemen des Surrealismus (Unbewusstes, Traumgeschehen) und erweitert sie um genuin amerikanische bzw. indigene Aspekte, die Werk und Person als interkulturell verwoben und eben dies auch reflektierend ausweisen. Im Projektverlauf ist u.a. die Monographie „Kay Sage (1898-1963): Surrealistische Räume und Netzwerke“ entstanden. Der Untertitel meint nicht nur das künstlerische Werk, sondern spielt auch auf Sages Rolle als Mittlerin im surrealistischen Gefüge und zwischen den Kontinenten an. Sie unterstützte die Exilierung von Künstler:innen aus dem faschistischen Europa, agierte als Kunstsammlerin und -agentin und trug somit auch in praktischer Hinsicht und durch persönliche Kontakte zur Verbreitung surrealistischer Ideen und Methoden in den USA bei. Davon besonders inspiriert war die junge Generation der ‚Abstrakten Expressionist:innen‘, die, wie Robert Motherwell betonte, eigentlich ‚Abstrakte Surrealist:innen‘ genannt werden müssten. Die Untersuchung der Künstlerin, ihres Werks und Handelns beleuchtet somit nicht nur eine weibliche Position innerhalb des historischen Surrealismus, sondern lässt diesen als ein besonders vielschichtiges Gefüge hervortreten. Methodische Impulse ergeben sich für eine gendersensible Netzwerkforschung und für die Reflexion des Biographischen in der Kunsthistoriographie. Das gilt auch für ein nachgeordnetes Projektthema, die Kunst von Hein Heckroth (1901-70), eines deutschen Malers, Bühnengestalters und Filmausstatters, der das Gros der 1930er/40er Jahre im Exil (Frankreich, England, Australien) verbrachte. Für ihn war der Surrealismus ein Vehikel der Verbindung, Beheimatung und Verarbeitung. Über die Beschäftigung mit Heckroths Leben und Werk lassen sich weitere Forschungsfelder (‚Surrealismus in Deutschland‘, ‚Surrealismus und Exil‘) für eine zukünftige Bearbeitung erschließen.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
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"Outside While Inside: Images of Dreams and Dreaming in Early Modern Visual Arts", in: Bernard Dieterle, Manfred Engel (Hg.): Mediating the Dream / Les genres et médias du rêve. Würzburg (Königshausen & Neumann 2020) (= Cultural Dream Studies 4), S. 471- 487
Ruby, Sigrid
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[Vortrag] Jennifer Jäger: "A Bird in the Room. Dystopian Dreamscapes in the Work of Kay Sage", Konferenz "ISSS Surrealisms 2021. Nuits blanches: Noches en Blanco: Around the Clock", International Society for the Study of Surrealism, 11.-14.11.2021 [online]
Jennifer Jäger
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[Vortrag] Sigrid Ruby: „Hein Heckroth – Surrealismus und Exil“ anlässlich der Verleihung des Hein-Heckroth-Bühnenbildpreises durch die Hein-Heckroth-Gesellschaft Gießen e. V., Stadttheater Gießen, 19.09.2021
Sigrid Ruby
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„Pendeln zwischen den Welten. Surrealistische Netzwerke und traumhafte Landschaften: DFG-Projekt erforscht den transatlantischen Surrealismus der 1940er- und 1950er-Jahre“, uniforum 5 (2021), S. 7
Jäger, Jennifer
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[Vortrag] Sigrid Ruby: "Deep Time and Modern History: Charles Willson Peale's 'Excavation of the American Mastodon'", Konferenz "New Worlds, Old Worlds, Lost Worlds: Picturing Prehistory in American Art and Visual Culture", INHA – Institut national d'histoire de l'art, Paris, 07.- 08.04.2022
Sigrid Ruby
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[Vortrag] Sigrid Ruby: „Der Surrealist Hein Heckroth im Exil“, Workshop „Hein Heckroth (1901- 1970): Bühnenbildner, Filmdesigner, Maler. Bausteine einer Werkbiografie“, Institut für Kunstgeschichte / Hein-Heckroth-Gesellschaft Gießen e.V. Justus-Liebig-Universität Gießen / Oberhessisches Museum, 23.-24.06.2022
Sigrid Ruby
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[Vortrag] Sigrid Ruby: „Traumbilder als Metabilder – Fallstudien zur Kunst des Surrealismus“, Ringvorlesung „Radical Dreaming. Visionen, Imaginationen, Abgründe“, Zentrum für Kulturproduktion, Zeppelin Universität Friedrichshafen, 29.03.2022
Sigrid Ruby
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„Hein Heckroth – Surrealismus und Exil“. In: Hein-Heckroth-Gesellschaft e.V. (Hg.): Hein-Heckroth-Bühnenbildpreis 2021. Gießen 2022, S. 21-35
Ruby, Sigrid
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„Painting is dead – long live painting! Dalís homerische Apotheose“. In: Katrin Dolle u. Semjon A. Dreiling (Hg.): Space Oddities: Die homerische Irrfahrt in Bildkünsten und Populärkultur 1800–2021 (Europa–USA–Südamerika). Heidelberg (arthistoricum) 2022, S. 445-460
Jäger, Jennifer
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[Vortrag] Jennifer Jäger: "Peggy Guggenheim and Kay Sage", Workshop "Peggy Guggenheim in London", Peggy Guggenheim Collection, Venedig, 26.06.2023 [online]
Jennifer Jäger
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[Vortrag] Jennifer Jäger: „Kay Sage (1898-1963): Surrealistische Räume und Netzwerke“, Workshop „Forschungsfeld Surrealismus“, Deutsches Forum für Kunstgeschichte Paris / Justus-Liebig-Universität Gießen, DFK Paris 28.-29.09.2023
Jennifer Jäger
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[Vortrag] Sigrid Ruby: "Hein Heckroth (1901-1970) – An Artist of Surrealism", Symposium "Legacies of the Dunera: Internment, Art and International Heritage", Centre for Public History, Heritage and Memory, Nottingham Trent University, UK / Monash University, Australia. National Justice Museum, Nottingham, 02.-03.03.2023
Sigrid Ruby
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[Vortrag] Sigrid Ruby: „Surrealismus und Exil. Zum Beispiel Hein Heckroth (1901-1970)“, Workshop „Forschungsfeld Surrealismus“, Deutsches Forum für Kunstgeschichte Paris / Justus-Liebig-Universität Gießen, DFK Paris, 28.-29.09.2023
Sigrid Ruby
