Luft (ver-)handeln im Great Bear Rainforest. Ein CO2-Einsparungsprojekt im Spannungsfeld von Ressourcennutzung, Naturschutz und Dekolonisierung in Kanada
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Dieses Projekt erforscht die Voraussetzungen, Rahmenbedingungen, Auswirkungen und kulturellen Zuschreibungen von CO2-Zertifikaten am Beispiel des Great Bear Carbon Projekts an der kanadischen Pazifikküste. Im Mittelpunkt steht die Heiltsuk Nation, die Teil des Verbunds der Coastal First Nations ist. Forschungsleitend ist die Frage nach den Strategien dieser Gemeinschaft, im Kontext des CO2-Einsparungsprojektes wirtschaftliche Beziehungen, kulturelle Sinnzuschreibungen von Umwelt und Ressourcen sowie politische Forderungen vis-á-vis der Provinz British Columbia und dem kanadischen Föderalstaat immer wieder neu zu verhandeln und zu definieren. Dabei spielen tradierte Handelsbeziehungen und Austauschkonzepte eine ebenso wichtige Rolle wie lokalspezifische (Nicht)Menschen-Natur-Beziehungen und das Streben nach politischer Selbstbestimmung. Jedoch sind indigene Perspektiven und Handlungsweisen nicht a priori als gegensätzlich zu denen des Staates, international agierender Konzerne oder Umweltorganisationen zu verstehen. Angesichts der Entstehungsgeschichte, der politischen Einbettung und den sozio-ökonomischen Auswirkungen des Einsparungsprojektes zeigt sich, dass Allianzen und Abgrenzungen stets neu verhandelt werden. Entsprechende Plattformen werden auf kreative Weise identifiziert, womit Differenzen artikuliert und gemeinsame Lösungswege ausgehandelt werden können. Mit dieser Betrachtungsweise liefert die vorliegende Studie einen innovativen Beitrag zur Wirtschaftsethnologie in einem aktuellen und zukunftsweisenden Feld. So zeigt dieses Forschungsprojekt, dass CO2-Zertifikate weitaus mehr sind als ein ökonomisches Instrument zur Bekämpfung des Klimawandels. Es wird deutlich, dass insbesondere waldbasierte Einsparungsprojekte wie im Great Bear Rainforest untrennbar mit lokalen Vorstellungen von und Beziehungen zur natürlichen Umwelt verknüpft sind – ebenso mit der Frage nach dem Anrecht auf Land und natürliche Ressourcen. Im indigenen British Columbia sind diese Fragen eng mit der Aufarbeitung des kolonialen Erbes in der Region verbunden und damit nicht von Bestrebungen nach Wiedergutmachung (reconciliation) und politischer Selbstbestimmung zu trennen.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
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Emissionshandel aus Ethnologischer Perspektive. Treibhausgase als soziale Mittler in globalen Netzen. Studien aus dem Münchener Institut für Ethnologie, 16.
Brill, Saskia
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Between Science and the Expertise of the Elders In: Kleemann, Katrin; Oomen, Jeroen (Hrsg.): Communicating the Climate: From Knowing Change to Changing Knowledge. RCC Perspectives: Transformations in Environment and Society; Bd. 4. S. 61-68.
Brill, Saskia
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Encountering Clams: An Experience of Ancient Knowledge and Present Subsistence. In Environmental History Now. A Platform on Representation, Engagement, and Community, online resource:
Brill, Saskia
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Writing with Landscape—A Workshop with Laura Watts. In Seeing the Woods. Munich: Rachel Carson Center.
Fonck, Martín; Brill, Saskia et al.
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‘Political Orders,’ 41st Annual Conference of the Society for Canadian Studies (GKS), 14–16 February 2020, Grainau, Germany. Sociologus, 70(2), 181-184.
Brill, Saskia
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A story of its own: creating singular gift-commodities for voluntary carbon markets. Journal of Cultural Economy, 14(3), 332-343.
Brill, Saskia
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The mutability of economic things. Journal of Cultural Economy, 14(3), 271-279.
Braun, Veit; Brill, Saskia & Dobeson, Alexander
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Carbon Credits from the Great Bear Rainforest. Negotiating Land, Resources, and Reconciliation. Dissertation, Institut für Ethnologie, LMU München.
Brill, Saskia
