Geschmacksbildung und Verlagspolitik. Repertoireentwicklung und Kanonisierung im Spiegel der Absatzdaten Leipziger Musikverlage (ca. 1830 bis 1930)
Allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft; Kulturwissenschaft
Theater- und Medienwissenschaften
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Das Projekt analysierte Wirtschaftsdaten aus dem 19. Jahrhundert, um Komposition und Rezeption von Verlagsprogrammen sowie deren Einfluss auf Geschmacks- und Kanonisierungsprozesse zu verstehen. Der Fokus lag auf den Produktions- und Absatzdaten der Verlage Peters, Hofmeister und Rieter-Biedermann, die im Sächsischen Staatsarchiv Leipzig überliefert sind. Musikgeschichte sollte dadurch als Facette wirtschaftlichen Handelns neu begreifbar werden. Zur Umsetzung wurde eine langfristig nutzbare Open-Access-Datenbank entwickelt, die die Musikverlagsdaten mit den Normdaten der Gemeinsamen Normdatei verknüpft. Die Datenbank erfasst 105.322 Verlagsaktionen zwischen 1808 und 1945. Sie ist modular aufgebaut und besteht aus mehreren eigens entwickelten Modulen zur Datenverwaltung und -präsentation sowie zur Schaffung von Schnittstellen zur GND. Eine zentrale Herausforderung war die Erfassung der komplexen und heterogenen wirtschaftlichen Daten, die nunmehr eine detaillierte Analyse des Musikalienmarktes im 19. Jahrhundert ermöglichen. Hierfür wurden auch traditionelle Werk- Konzepte kritisch evaluiert und neu formuliert. Die gewonnenen Erkenntnisse beleuchten, wie Verlage durch ihre Entscheidungen zu Produktionsvolumen und -strategien stark zu diesen Geschmacks- und Kanonbildung beitrugen. Hierzu „speculirte“ man auf unterschiedliche Absatztypen, die im Projekt identifiziert wurden und die den Musikalienmarkt des 19. Jahrhunderts profilieren. In der Programmgestaltung zeigen sich verlagsabhängig unterschiedliche Strategien. Gemeinsam ist ihnen das Verlegen von internationalen Komponist:innen auch jenseits von Europa auf einem weitaus globaleren Markt, als bisher in der Musikgeschichtsschreibung reflektiert wird. Alle diese Erkenntnisse konnten durch das Datenmaterial der mvdb mit Zahlen unterfüttert werden, wobei in Bezug auf eine „quantitative“ Musikgeschichtsschreibung auch wichtige Konzeptfragen geklärt wurden. Das Projekt leistete einen Beitrag zur Erschließung neuer Quellen zur Verlagsgeschichte und bot neue Ansätze zur Erforschung von Geschmacksbildung und Kanonisierung. Die Datenbank bleibt langfristig verfügbar und bietet eine Ressource für zukünftige Forschungen.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
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“GND-Daten im Projekt ‘Geschmacksbildung und Verlagspolitik: Repertoireentwicklung und Kanonisierung im Spiegel der Absatzdaten Leipziger Musikverlage (ca. 1830 bis 1930)’“, 07.06.2021
Katrin Bicher
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“Modelling Musical Editions or: How to Fit Ambiguous Sources and Authority Files into a Database?”, Basel, 08.07.2021.
Maximilian Rosenthal
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„Der Einfluss von Verlagsgeschichte auf Musikgeschichte. Präsentation des DFG-Projekts Geschmacksbildung und Verlagspolitik“, Bonn, 28.09.–01.10.2021.
Maximilian Rosenthal & Matthias Richter
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Digitalisierung des Kulturellen und digitale Arbeitskultur im Forschungsverbund NFDI4Culture. Community-Arbeit an, durch und mit fachspezifischen Datenkorpora und Elementen der FDM-Infrastruktur. Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie, 69(1-2), 26-36.
Bicher, Katrin; Blümel, Ina; Gammert, Jonathan; Kammerer, Dietmar; Koch, Anton; Matuszkiewicz, Kai; Pittroff, Sarah; Rittershaus, David; Rossenova, Lozana; Schrade, Torsten; Vater, Christian & Wiermann, Barbara
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“Historical Music Business Data as Basis for Research on Taste Formation and Canonization Processes – A Cooperative Digital Musicological Project by the Saxon State Library Dresden and the University of Music and Theatre Leipzig”, Prag, 25.06.2022
Katrin Bicher & Matthias Richter
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“Music History as Economic Data”, Hochschule der Medien Stuttgart, 15.08.2022.
Christoph Hust
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„Musikgeschichte als Wirtschaftsgeschichte“, Universität Basel, 10.05.2022.
Christoph Hust
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„Quantifizierung des Erfolgs. Ergebnisse des DFG-Projekts Geschmacksbildung und Verlagspolitik“, Berlin, 28.09.2022.
Katrin Bicher, Matthias Richter & Maximilian Rosenthal
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„Siegeszug der Maschinen? Zum Einfluss der mechanischen Musikinstrumente auf den Musikalienmarkt am Anfang des 20. Jahrhunderts“, Musikinstrumenten-Museum Berlin, 11./12.11.2022.
Maximilian Rosenthal
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„Spuren der unsichtbaren Hand? Überlegungen zum Zusammenhang von Kanonisierung und ökonomischem Erfolg“, Leipzig, 21.01.2022.
Maximilian Rosenthal
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“Datafication of Music Publishing”, Ritsumeikan-Universität Kyoto, 30.06.2023.
Christoph Hust
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“Modelling the Music Market. An Analysis of the Printing Records of Leipzig Publishers”, University of Bristol, 23./24.06.2023.
Maximilian Rosenthal
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“Musical Subject Terms for 19th Century Western Repertoire”, Cambridge, 01.08.2023
Katrin Bicher, Matthias Richter & Barbara Wiermann
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„Die Bedeutung von Verlagsbüchern (und der Musikverlagsdatenbank) für die Erschließung von Quellen des 19. Jahrhunderts“, BSB München, 21./22.11.2023.
Christoph Hust
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„Musikgeschichte im distant reading: Präsentation der Musikverlagsdatenbank mvdb“, in: DHd2023. Open Humanities. Open Cultures. Abstracts zur 9. Jahrestagung des Verbands Digital Humanities im deutschsprachigen Raum, hg. von Anna Busch und Peer Trilcke, 2023, S. 221–226
Maximilian Rosenthal & Matthias Richter:
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„Musikgeschichte im distant reading: Präsentation der Musikverlagsdatenbank mvdb“, Trier, 13.– 17.03.2023.
Maximilian Rosenthal
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Book of Codes.
Maximilian Rosenthal
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“Navigating the Line between Economic and Symbolic. A Model for 19th Century Music Publishers as Actors”, University of the Arts Helsinki, 05.–07.06.2024.
Christoph Hust
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„Die Rolle des Verlags Rieter-Biedermann auf dem internationalen Musikalienmarkt des 19. Jahrhunderts“, Universität Zürich, 27./28.09.2024.
Maximilian Rosenthal
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„Grimm in den Kalkulationsbüchern des Verlags Rieter-Biedermann“, in: Julius Otto Grimm – ein Komponist und Dirigent des Brahms-Kreises, hg. von Anna Maria Plischka und Peter Schmitz, Münster: Waxmann 2024, S. 346–361.
Maximilian Rosenthal
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„Methoden der Musikverlagsforschung“, Universität Leipzig, 05.12.2024.
Christoph Hust
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Die Bedeutung von Verlagsbüchern und der Musikverlagsdatenbank für die Erschließung gedruckter Quellen des 19. Jahrhunderts. Musikquellen des 19. Jahrhunderts in Deutschland. Herausforderungen und Chancen, 111-130. musiconn.publish.
Rosenthal, Maximilian
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Kommerz und Kanonisierung. Digitale und analoge Zugänge zu Musikverlagsdaten und Verlagsforschung, Leipzig: HMT Leipzig (Schriften online: Musikwissenschaft 12), November 2024
Maximilian Rosenthal
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Siegeszug der Maschinen?. Jahrbuch des Staatlichen Instituts für Musikforschung Preußischer Kulturbesitz.
Rosenthal, Maximilian
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„Einleitung. Über das Forschen mit Musikverlagsdaten, die Musikverlagsdatenbank (mvdb) und vorliegenden Band“. In: Kommerz und Kanonisierung : Verlagsarchive und die Musikverlagsdatenbank als Quellen für die Musikwissenschaft . - Leipzig : Hochschule für Musik und Theater 'Felix Mendelssohn Bartholdy' Leipzig, 2025. - (Schriften online: Musikwissenschaft). - 2025, S. 9-33
Maximilian Rosenthal
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"Relations with Publishers"in: The Mendelssohns in Context, hrsg. von Thomas Schmidt und Benedict Taylor, Cambridge: Cambridge University Press
Maximilian Rosenthal
