Soziotechnische Systeme der antizipatorischen Wahrheitsverifikation im Feld der Flughafensicherheit
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Zur Erhöhung nationaler Sicherheit wird seit einiger Zeit maschinenbasierte Gefahrenprognostik insbesondere für Grenzkontrollkontexte entwickelt und erprobt. Derartige Screeningverfahren arbeiten mit halb- oder vollautomatisierten Systemen, die nonverbales Verhalten sowie psychophysiologische Parameter messen und damit Personen mit sogenannten “böswilligen Absichten” identifizieren sollen. Als Orte mit hochkonzentriertem Sicherheitsanspruch dienen Flughäfen dabei als priorisierte Erprobungs- und Einsatzorte. Das Projekt baut auf einer dreijährigen ebenfalls DFG-geförderten Forschung auf (2017-2020), in der die Genese und der derzeitige Stand lügendetektorischer Verfahren in Deutschland untersucht wurden. Vor diesem Hintergrund wurde im vorliegenden Projekt erforscht, wie Verfahren der Täuschungserkennung, die bislang zentral auf menschlicher, psychologischer und sicherheitstechnischer Expertise und Interpretation basieren, in automatisierte Systeme überführt werden. Das übergeordnete Ziel des Projektes war es, zu untersuchen, wie sich Sicherheitsbegehren und Vorstellungen von „Wahrheit“ in der Entwicklung neuer technischer Systeme materialisieren. Dafür wurden folgende Aspekte untersucht: Erstens vor welchem Hintergrund neue technische Systeme der antizipatorisch ausgerichteten Wahrheitsverifikation entwickelt werden, sowie die epistemische Grundlage dieser Systeme; zweitens, welche Anforderungen an das Entwicklungsfeld gestellt werden; drittens, welche Aushandlungen diese Ansprüche während der Entwicklung forcieren; und viertens, wie die Systeme praktisch ausgestaltet werden. Mit unserem Projekt konnten wir zeigen, dass es eine massive Kluft zwischen den Ansprüchen und Visionen neuer automatisierter Sicherheitstechniken im Allgemeinen und der Täuschungsund Intentionsdetektion im Besonderen gibt. Besonderer Bedeutung kommen dabei der Mensch-Maschine-Interaktion sowie dem Verständnis von Wahrheit und deren Generierung zu. Wie wir detailliert herausgearbeitet haben, kommt dabei Konzepten wie dem der Ground-Truth und des Nichtswissens eine zentrale Bedeutung zu. Das Projekt leistet damit auch einen wichtigen Beitrag zur Analyse und soziologischen Reflexion von Mensch-Maschine-Interaktionen und deren Neuaushandlung in der Gegenwartsgesellschaft.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
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Zur Usability von eGates im Testlabor des Biometrieevaluationszentrums, Forschungsbericht, Aachen
Bettina Paul, Sylvia Kühne & Torsten Voigt
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Wahrheitssuche als Antinomie. Über die Funktion von Technikskepsis und Maschinenglauben in der Lügendetektion. In: Leben Regieren. Natur, Technologie und Gesellschaft im 21. Jahrhundert, hrsg. von Katharina Hoppe, Jonas Rüppel, Franziska von Verschuere und Torsten H. Voigt. 71-94. Frankfurt und New York: Campus
Paul, Bettina, Larissa Fischer & Torsten H. Voigt
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“I Don’t Know if It Wanted Me to Dance”. On Leading and Being Led in Human-eGate Interaction, in: Tecnoscienza–Italian Journal of Science & Technology Studies, 14 (2), 27-44
Paul, Bettina & Sylvia Kühne
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(In)tangible Teamwork. Humanimalia, 15(1), 75-104.
Paul, Bettina
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Gut Feelings and Algorithms: Searching for Harmful Intentions in Airport Security Processes. Engaging Science, Technology, and Society, 10(3).
Kühne, Sylvia & Paul, Bettina
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Iconic Materiality, or the Ambivalent Fascination of Cinematic Lie Detection Depictions (in Germany). In: Tacit Cinematic Knowledge: Approaches and Practices (Ed. by Rebecca Boguska, Guilherme Machado, Rebecca Puchta & Marin Reljic), Lüneburg: Meson Press, 147-163
Paul, Bettina & Larissa Fischer
