Rekonstruktive Längsschnittstudie zu Professionalisierungsprozessen im Kontext Forschenden Lernens: ein Standortvergleich (ReLieF)
Erziehungswissenschaftliche Sozialisations- und Professionalitätsforschung
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Das Forschungsprojekt hat das Ziel verfolgt, kollektive Orientierungen Lehramtsstudierender in Bezug auf forschendes Lernen in zwei universitären Kontexten zu rekonstruieren und Verläufe im Längsschnitt nachzuzeichnen. Dazu wurden an den Universitäten Hamburg und Bielefeld zu Beginn von zwei bzw. vier erziehungswissenschaftlich-schulpädagogischen Lehrveranstaltungen forschenden Lernens im Master-Studiengang insgesamt 15 Gruppendiskussionen mit Lehramtsstudierenden geführt (t1). Alle Gruppen konnten am Ende des zweiten Veranstaltungssemesters ein weiteres Mal erhoben werden (t2). Flankierend zu diesen 30 Gruppendiskussionen fanden zu t2 vertiefende Einzelinterviews mit ausgewählten Studierenden statt, Informationen zu den jeweiligen Veranstaltungen konnten durch Dokumentenanalysen und Expert*innen-Interviews mit den Dozierenden gewonnen werden. Pandemie-bedingt fanden alle Datenerhebungen via Zoom statt. Zur Auswertung der Gruppendiskussionsdaten kam die Dokumentarische Methode zum Einsatz. Als Ergebnis schälte sich in der Gruppendiskussionsstudie zu t1 wie zu t2 die Basistypik der Wahrnehmung der Anforderung, im Studium forschendes Lernen umsetzen zu sollen, heraus. Zu t1 konnten drei Typen rekonstruiert werden, die als typische Orientierungsrahmen im weiteren Sinne Umgangsweisen mit dieser Anforderung beschreiben: persönliche Annäherung, universitäre Fremdrahmung sowie sachliche Bestimmung. Auch zu t2 wurden diese drei Typen rekonstruiert, doch finden sich hier Modifikationen. So wandelt sich die persönliche Annäherung zu einer abgleichenden und einlassenden Annäherung, was sich darin ausdrückt, dass nun nicht persönlich-individuelle, sondern gemeinsame Erfahrungen mit Forschen vorliegen und in einer offenen Haltung miteinander verglichen werden. Die universitäre Fremdrahmung schärft sich insofern weiter aus, als sich die Studierenden verstärkt vom forschenden Lernen abgrenzen und dieses im Kontrast zum Sammeln von Praxiserfahrungen an Schulen als kaum nützlich für ihre künftige Berufstätigkeit einschätzen. Der Typus sachliche Bestimmung scheint zu t2 nur noch aspekthaft auf; offenbar ist eine Suche nach Definitionen und begrifflich-konzeptionellem Verständnis von Forschen nicht mehr zentral. Mit Blick auf die Verortung der Fälle in den Typen wird im Längsschnitt einerseits eine Kontinuität sichtbar: Es gibt mehrere Fälle, die zu t1 wie zu t2 demselben Typus zuzurechnen sind. Andererseits zeigen sich auch Veränderungen. So gewinnt der Annäherungs-Typus zu t2 Fälle hinzu, die zu t1 v.a. der sachlichen Bestimmung zugerechnet wurden. Offenbar kam es hier zu Transformationen bei der Bearbeitung der Anforderung sich mit forschendem Lernen im Studium auseinanderzusetzen. Zudem wird sichtbar, dass der Typus der Annäherung v.a. an der Universität Hamburg verortet ist, während sich der Typus Fremdrahmung durchgehend an der Universität Bielefeld zeigt, wo forschendes Lernen in Verbindung mit einer längeren schulpraktischen Phase durchgeführt wird. In der Diskussion werden die Befunde mit dem empirischen Forschungsstand relationiert, wobei deutlich wird, welche neuen Ergebnisse generiert werden konnten. Ausführungen zur Professionalisierung und ein Ausblick auf sich anschließende Forschungsdesiderate schließen die Darstellung ab.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
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Irritationen beim Forschenden Lernen. Irritierende Erfahrungen von Lehramtsstudierenden und wie sie damit umgehen. Hochschullehre im Spannungsfeld zwischen individueller und institutioneller Verantwortung, 227-241. Springer Fachmedien Wiesbaden.
Hinzke, Jan-Hendrik & Paseka, Angelika
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Forschendes Lernen in der universitären Lehrer*innenbildung. Ergebnisse einer explorativen Längsschnittstudie zur Förderung von Forschungskompetenz und Forschungsinteresse in Forschungswerkstätten an der Universität Hamburg. Zeitschrift für Bildungsforschung, 12(1), 81-108.
Paseka, Angelika; Hinzke, Jan-Hendrik; Feld, Imogen & Krammer, Georg
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Gruppendiskussionen via Zoom durchführen und mit der Dokumentarischen Methode auswerten. Methodologische Reflexionen unter Einbezug empirischer Daten. Jahrbuch Dokumentarische Methode, 5. Berlin: centrum für qualitative evaluations- und sozialforschung e.V. (ces), 41-64
Hinzke, J.-H. & Paseka, A.
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Dokumentarische Methode – Professionalisierung – Forschendes Lernen. Das Gruppendiskussionsverfahren zur Erfassung von Orientierungen von Lehramtsstudierenden in der Diskussion. ZQF – Zeitschrift für Qualitative Forschung, 24(1), 172-188.
Hinzke, Jan-Hendrik & Paseka, Angelika
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Learning through perplexities in inquiry-based learning settings in teacher education. Teachers and Teaching, 31(2), 281-296.
Paseka, Angelika; Hinzke, Jan-Hendrik & Boldt, Vanessa-Patricia
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Ungewissheit als 'Treiber' von Professionalisierungsprozessen? Interpretationen von Gruppendiskussionen mit Lehramtsstudierenden zu Beginn von Veranstaltungen forschenden Lernens. Professionalität und Professionalisierung von Lehrpersonen. Perspektiven, theoretische Rahmungen und empirische Zugänge, 73-93. Verlag Julius Klinkhardt.
Hinzke, Jan-Hendrik; Boldt, Vanessa-Patricia & Damm, Alexandra
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Forschendes Lernen zwischen routinisierter Gewissheit und krisenhafter Ungewissheit. Zeitschrift für Pädagogik(4), 505-522.
Hinzke, Jan-Hendrik
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Lehramtsstudierende reflektieren über Forschen. Praxeologisch-wissenssoziologische Analysen zu studentischen Wissensbeständen als Ausgangspunkt Forschenden Lernens. Dokumentarische Professionalisierungsforschung bezogen auf das Lehramtsstudium, 235-253. Verlag Julius Klinkhardt.
Hinzke, Jan-Hendrik; Damm, Alexandra; Boldt, Vanessa-Patricia & Paseka, Angelika
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Crisis, Transformation and Learning:. Krisen und Transformationen, 393-404. Verlag Barbara Budrich.
Paseka, Angelika; Scholkmann, Antonia; English, Andrea R. & Hinzke, Jan-Hendrik
