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Kritik anti-essenzialistischer Soziologie. Konturen, performative Wirkmächtigkeit und Grenzen eines paradigmatischen Wissenschaftsverständnisses im "postfaktischen Zeitalter"

Antragstellerin Dr. Jenni Brichzin
Fachliche Zuordnung Soziologische Theorie
Förderung Förderung von 2020 bis 2024
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 443532822
 
Erstellungsjahr 2025

Zusammenfassung der Projektergebnisse

Die gesellschaftliche Gegenwart zeichnet sich durch ein problematisches Verhältnis zu Wahrheit aus – diese Diagnose gehört spätestens seit den Debatten um das sogenannte ‚postfaktische Zeitalter‘ Mitte der 2010er Jahre zum Standardrepertoire der Gegenwartsbeobachtung. Damit einher geht eine neue Welle altbekannter Kritik an ‚postmoderner‘, ‚konstruktivistischer‘, ‚kritischer‘ etc. Theorie‚ die von vielen Kommentator:innen zumindest mitverantwortlich gemacht werden für die diagnostizierte ‚Wahrheitskrise‘. Spezifisch richtet sich die Kritik gegen Denkrichtungen, die sich im Anschluss an Richard Rorty als antiessentialistische Theorie (aeT) begreifen lassen und vor allem darauf ausgerichtet sind, Behauptungen eindeutiger Faktizität und objektiver Wahrheit – problematisiert als Essentialisierungen, also Alternativen eliminierende Festschreibungen des Status quo – zu hinterfragen. Ziel des Projekts war es, jene Kritik ernst zu nehmen, ohne sie vorschnell zu bestätigen oder zurückzuweisen. Es ging also um eine Kritik anti-essentialistischer Theorie im Sinne der Grenzbestimmung: Welche Erkenntnisleistung erbringen aeT – und wo stoßen sie an ihre Grenzen? Das Projekt rekonstruiert Anti-Essentialismus als Konvergenzpunkt inhaltlich unterschiedlicher Theorierichtungen wie poststrukturalistischer, feministischer, pragmatistischer oder neomaterialistischer Ansätze. Trotz sozialtheoretisch teils großer Unterschiede – etwa bezüglich der Bedeutung der Struktur gegenüber dem Subjekt, oder des Materiellen gegenüber dem Diskursiven –, teilen diese ein zentrales epistemisches Bezugsproblem: nämlich die empirische Einsicht, dass sich Vorstellungen vermeintlich eindeutiger Wahrheit historisch häufig als Erkenntnishindernisse erwiesen haben. AeT stellen Wahrheits- und Faktizitätsbehauptungen also aus Erkenntnisgründen infrage – und nicht etwa, wie im Postfaktizitätsdiskurs mitunter unterstellt, um Erkenntnis an sich zu untergraben. Wie das Projekt zeigt, gewinnen aeT paradigmatische Qualität, weil verschiedene antiessentialistische Ansätze dieses Bezugsproblem in gleicher Weise lösen – nämlich auf der Ebene von Theorietechnik: In aeT wird die Einsicht in die erkenntnisbehindernde Wirkung eindeutiger Festlegungen reflexiv, sie soll entsprechend in die Theorie selbst eingeschrieben werden und so die Essentialisierung der eigenen theoretischen Annahmen verhindern. Drei zentrale Techniken, mit denen das erreicht werden soll, prägen aeT dabei besonders: Dichotomie-Kritik, Dislokation formaler Logik und ontologischer Amorphismus. Diese theoretischen Mittel zeichnen das anti-essentialistische Paradigma aus, dessen spezifische Erkenntnisleistung in der aktiven Subversion verfestigter, erkenntnisbehindernder Sichtweisen auf das Soziale liegt. Wie jedes Paradigma stoßen jedoch auch aeT an Erkenntnisgrenzen. Das ist insbesonsdere dort der Fall, wo – gegenüber der Etablierungszeit anti-essentialistischen Denkens in den 1960er bis 1990er Jahren, im Kontext der damaligen Demokratisierungswelle – neue gesellschaftliche Problemkonstellationen auftreten. Das Projekt identifiziert insbesondere drei solcher Grenzen. Erstens: das Faktizitätsproblem – Phänomene des faktisch Falschen (Stichwörter: ‚Fake News‘, Verschwörungsdenken, ‚Deep Fakes‘) lassen sich auf der Basis von aeT nicht greifen. Zweitens: das Totalitätsproblem – während aeT Totalitätsbegriffe (als Essentialisierungsgeneratoren) ablehnen, drängt sich die gesellschaftliche Wirklichkeit gerade gegenwärtig immer wieder als Totalität auf (z.B. im Kontext existentieller Krisen wie dem Klimawandel). Drittens: das Kipppunkt-Problem – weil aeT dichotome Ordnungen systematisch auflösen wollen, geraten Prozesse gesellschaftlichen Umkippens (z.B. von Demokratie zu Autokratie) analytisch aus dem Blick. Mit dieser kritischen Analyse der Erkenntnisleistungen und -grenzen eines zentralen soziologischen Theorieparadigmas leistet das Projekt einen Beitrag zur Schärfung der soziologischen Kapazität zur Untersuchung der Gegenwart.

Projektbezogene Publikationen (Auswahl)

  • Kritik in der Krise? Wie in der Corona- Pandemie die Grenzen klassischer Gesellschaftskritik aufscheinen. DGS/ÖGS- Kongress Wien (digital). Ad hoc-Gruppe “Untersuchungen zur pandemischen Gesellschaftskritik”.
    Brichzin, Jenni, Kronau, Felix & Zey, Jakob
  • Postfaktisches Zeitalter, hyperfaktisches Zeitalter? Zum Verhältnis von sozialwissenschaftlicher Theorie und öffentlichem Diskurs. Vorlesungsreihe “Zukunftsdiskurse. Der Kampf der öffentlichen Meinung zwischen Fakt und Fiktion” an der Leuphana Universität (digital).
    Brichzin, Jenni
  • Theoriebildung unter ‘postfaktischen’ Bedingungen. Erkundungen mit Hannah Arendt. Offene Herbsttagung der DGS-Sektion “Soziologische Theorie” (digital).
    Brichzin, Jenni
  • Durch Widersprüche hindurchdenken. Von theoretischen Figuren des Gegensätzlichen zu Praktiken der Polarisierung. Sektionsveranstaltung (Soziologische Theorie) “Theorizing polarisierter Welten” beim DGS- Kongress in Bielefeld.
    Beregow, Elena & Brichzin, Jenni
  • ‘Und leider bin ich dann am Ende doch wieder beim Begriff des Rhizoms gelandet…’ Theorieinnovation durch Ent-Essenzialisierung und ihre Grenzen. Frühjahrstagung der DGS-Sektionen Soziologische Theorie und Politische Soziologie (digital).
    Brichzin, Jenni
  • Editorial: Theorie und Wahrheitskrise. Behemoth 16 (2), S. 1-11.
    Brichzin, Jenni, Kronau, Felix & Zey, Jakob
  • Epistemische Verantwortung? Überlegungen zum Verhältnis von Denk- und Gesellschaftsordnung in Zeiten einer Wahrheitskrise. In: Jung, Simone; Hobuß, Steffi; Kramer, Sven (Hrsg.): Der Kampf um die öffentliche Meinung zwischen Fakt und Fiktion. Berlin: Verbrecher, S. 43-66.
    Brichzin, Jenni
  • Für eine demokratische Praxeologie. Rechtsradikale Politisierung und radikaldemokratische Konsequenzen. Transformationen des Politischen, 87-108. transcript Verlag.
    Brichzin, Jenni
  • Jede Theorieentscheidung hat ihren Preis. Posthuman?, 163-180. Brill | Fink.
    Brichzin, Jenni
  • Theorie und Wahrheitskrise. Themenheft Behemoth 16 (2).
    Brichzin, Jenni, Kronau, Felix & Zey, Jakob
  • Wahrheit und Demokratie. Politische Epistemologie im Anschluss an Hannah Arendt. Behemoth 16 (2), S. 26-38.
    Brichzin, Jenni
  • Demokratie – ein gesellschaftstheoretisches Konzept? Tagung “Staat – Gesellschaft – Polykrise: Aktuelle Herausforderungen der Gesellschaftstheorie” der DGS-Sektionen Soziologische Theorie und Europasoziologie in Potsdam.
    Brichzin, Jenni
  • Demokratie, soziologisch beobachtet. Politologische Aufklärung – konstruktivistische Perspektiven, 213-230. Springer Fachmedien Wiesbaden.
    Brichzin, Jenni
  • Durch Widersprüche hindurch denken. Über Figuren des Gegensätzlichen und die epistemische Praxis ihres Diagnostizierens. ZTS Zeitschrift für Theoretische Soziologie(2), 237-259.
    Beregow, Elena & Brichzin, Jenni
  • Essentialismus revisited?. Leviathan, 52(2), 168-204.
    Brichzin, Jenni & Kronau, Felix
  • Taking democracy seriously as a sociological concept. ESA Conference in Porto, Portugal.
    Brichzin, Jenni
  • Warum Antisemitismus?. Velbrück Wissenschaft.
    Vennmann, Stefan; Krüger, Anne-Maika & Kronau, Felix
  • Warum sind ‘Fake News’ schlechte Nachrichten für Demokratien? Politikepistemologische Betrachtungen zwischen Jürgen Habermas und Hannah Arendt. Offene Tagung der DGS-Sektion Politische Soziologie in Heidelberg.
    Brichzin, Jenni
  • Das klimaaktivistische Subjekt. Über den Vorschlag, das Soziale von seinen Kipppunkten her zu denken. Tagung “Die Weltgesellschaft in der Klimakrise” der DGS-Sektionen Politische Soziologie und Religionssoziologie (u.a.) in Leipzig.
    Brichzin, Jenni
 
 

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