Angewandte Wissenschaft im Dienst des Staates: Eine Geschichte der angewandten Entomologie im Nationalsozialismus
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Hauptsächliches Ziel des Projekts war eine Untersuchung der angewandten Entomologie und ihrer Entwicklung als wissenschaftliche Teildisziplin in der Zeit des Nationalsozialismus. Dafür wurden vier zentrale Akteure sowie deren Wirken und Laufbahnen in den wichtigsten Institutionen des Fachgebiets in Deutschland untersucht: Karl Escherich, Karl Friederichs, Erich Martini, und Albrecht Hase. Neben der intellektuellen Biographie der zentralen Akteure und einer Übersicht über die relevanten Institutionen erfolgte die Analyse auf drei Ebenen. Zum einen wurde nachgezeichnet, wie sich in den 1930er Jahren auf der theoretischen Ebene eine ökologisch-holistische Perspektive auf das komplexe Zusammenspiel unterschiedlicher Faktoren in der Populationsdynamik der Insekten ausbildete. Diese wurden freilich weiterhin v.a. als Schädlinge ins Auge gefasst, so dass auch der damals entstandene ökologische Ansatz unter dem Vorzeichen der Beherrschung (der ökologischen Ganzheiten) stand. Daran anschließend wurden, zweitens, die zeitgenössischen Versuche einer „biologischen Schädlingsbekämpfung“ analysiert. Wie die Untersuchung zeigt, waren diese durch eine Vielzahl von Fehlschlägen gekennzeichnet, so dass der theoretische Entwurf einer holistischen angewandten Entomologie auf praktische Grenzen stieß. Drittens ging das Forschungsprojekt dem Einsatz der praktischen Entomologie im Rahmen der „Kriegsentomologie“ des Zweiten Weltkriegs nach. Dabei standen zum einen militärisch organisierte Aspekte der Malaria- und Fleckfieberbekämpfung im Mittelpunkt, in welche insbesondere Hase und Martini involviert waren. Zum anderen wurde auf genauer archivalischer Basis eine Neubewertung der Versuche der Wehrmacht vorgenommen, durch die Überträger der Malaria eine biologische Kriegführung zu ermöglichen. Dabei konnte gezeigt werden, dass zwar eine entsprechende Intention durchaus bestand, dass aber auch hier praktische Grenzen die unternommenen Versuche letztlich zum Scheitern verurteilten.
