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Sitten in Staats- und Gesellschaftstheorien zur Zeit des Directoire

Fachliche Zuordnung Politikwissenschaft
Förderung Förderung von 2021 bis 2024
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 462868429
 
Erstellungsjahr 2025

Zusammenfassung der Projektergebnisse

Gegenstand des Projekts war die Auseinandersetzung um den Begriff der "moeurs" ("Sitten") in politischen Theorieentwürfen während der Spätphase der Französischen Revolution, der Zeit des Directoire (ca. 1797-1799). Unter Sitten versteht man normierte Formen des gesellschaftlichen Umgangs, denen vielfach eine Funktion als soziomoralische Stabilisatoren moderner Gesellschaften zugeschrieben wird, während ihnen gleichzeitig im Vergleich zu formelljuristischen Regeln ein weitaus geringerer Grad an Verbindlichkeit zukommt. In den politischen Begründungsdiskursen des 18. Jahrhunderts nahmen die Sitten insbesondere seit Montesquieus Hauptwerk De l'Esprit des lois (1749) eine zentrale Stellung ein. Sie eröffnen die Möglichkeit, das Soziale als einen gegenüber dem Politischen eigenständigen Bereich zu konzipieren. Der Bereich der Gesellschaft erhielt während der Französischen Revolution besondere Bedeutung im Rahmen der Problematik, in welcher Weise eine Identifikation der Bürger mit dem neuen republikanischen Staat befördert werden könnte. Hierbei gewannen symbolpolitische und volkspädagogische Bestrebungen zur Durchsetzung egalitärer Verhaltensweisen schon früh die Oberhand. Neben diesen mittlerweile sehr ausführlich erforschten Entwicklungen konnte das Projekt zwei weitere, bislang wenig erforschte Tendenzen im Hinblick auf die Entwicklung des Sittenbegriffs sichtbar machen. Ausgehend von Pococks Diagnose, dass im angelsächsischen Raum im Laufe des 18. Jahrhunderts das republikanische Konzept der Tugend (virtue) durch das der Sitten (manners) ersetzt wurde, konnte eine vergleichbare Verschiebung in der Verwendung des Begriffs "moeurs" von moralischen zu pragmatischen Aspekten nachgewiesen werden (dies insbesondere am Beispiel von Pierre-Louis Roederer, Emmanuel-Joseph Sieyès und Jean-Baptiste Say). "Moeurs" wurden in der zweiten Hälfte der 1790er Jahren in Frankreich zum Leitbegriff für die Beschreibung von sozialen und ökonomischen Prozessen. Die gleichzeitige Einsicht in die Autonomie von sozialen, politischen und ökonomischen Mechanismen führte allerdings in der Konsequenz zum Scheitern der Versuche, diese unter dem gemeinsamen Oberbegriff der Sitten zu fassen. In ideengeschichtlicher Perspektive erlaubt diese Analyse, den Übergang vom moderaten Republikanismus zum frühen Liberalismus theoretisch präziser zu fassen. Zum anderen konnten, durch die Entdeckung eines Preisschriften-Beitrags des Hallenser Kantianers Ludwig-Heinrich von Jakob, signifikante Unterschiede in der Konzeption von "Sitten" zwischen der deutschsprachigen und der französischen Tradition herausgearbeitet werden. Dabei zeigte sich nicht nur die Inkompatibilität des Kantischen, auf Autonomie beruhenden Sittenkonzepts mit dem im Umkreis des französischen Institut national weitgehend deskriptiv gebrauchten Konzept der "moeurs", sondern auch die Diskrepanz der beiden Konzepte von Republikanismus zwischen einer ökonomisch gedachten Gemeinwohlorientierung in Frankreich und der Idee der Selbstgesetzgebung (im Kantischen Sinne der Herrschaft von Recht und Gesetz) in Deutschland.

Projektbezogene Publikationen (Auswahl)

  • Benjamin Constant et "l'esprit du siècle". Vortrag im Rahmen der Konferenz "Historiographie des Lumières au 19e siècle", Interdisziplinäres Zentrum für die Erforschung der Europäischen Aufklärung, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, 21.-23. September 2022
    Asal, Sonja
  • Einleitung, in: Jean-Jacques Rousseau, Vom Gesellschaftsvertrag oder Prinzipien des Staatsrechts. Aus dem Französischen von Vincent von Wroblewsky, Hamburg: Europäische Verlagsanstalt 2022, S. 7-25. (ISBN 978-3-86393-147-6)
    Asal, Sonja
  • Sitten in Staats- und Gesellschaftstheorien zur Zeit des Directoire (1795-1799). Projektpräsentation im Rahmen des Forschungscolloquiums am Lehrstuhl für Politische Theorie und Ideengeschichte (Prof. Dr. Harald Bluhm) der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, 7. Juni 2022
    Asal, Sonja
  • "Mœurs" und "manners" als Topos von Gesellschaftsanalyse und –kritik. Einführungsvortrag zur Tagung "Sittenkritik und soziopolitische Ordnungsvorstellungen (ca. 1750- 1840)", Interdisziplinäres Zentrum für die Erforschung der Europäischen Aufklärung, Martin- Luther-Universität Halle-Wittenberg, 21./22. September 2023
    Asal, Sonja
  • Ludwig Heinrich von Jakob (1759-1827) zwischen Widerstandsrecht, republikanischer Tugend und politischer Ökonomie, Vortrag im Rahmen der Konferenz "Politische Aufklärung – Halle als Ort der Unruhe im späten 18. Jahrhundert", Interdisziplinäres Zentrum für die Erforschung der Europäischen Aufklärung, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, 23./24. Mai 2024
    Asal, Sonja
  • Manners and Political Stability in a Commercial Republic: the Case of France, c. 1795-1799, Vortrag im Rahmen des Enlightenment Workshop der Voltaire Foundation / Universität Oxford, organisiert von Nicholas Cronk und Avi Lifschitz,15. Mai 2024
    Asal, Sonja
  • Sitten und politische Stabilität. Zur Frühgeschichte des Liberalismus in der Zeit des Directoire. Projektpräsentation im Rahmen des Forschungscolloquiums am Lehrstuhl für Politische Theorie und Ideengeschichte (Prof. Dr. Jens Hacke) der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, 23. Januar 2024
    Asal, Sonja
  • Manners in a Commercial Society. Emmanuel Joseph Sieyès, Pierre Louis Roederer, and the Transformations of Republicanism under the Directoire (c. 1795–1799). History of European Ideas, 51(7), 1511-1531.
    Asal, Sonja
  • Zivilisation/Civilisation. Rousseau-Handbuch, 557-561. Springer Berlin Heidelberg.
    Asal, Sonja
 
 

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