Einschätzungen und Feedback von Lehrkräften bei Lernenden mit Migrationshintergrund
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Die Einschätzungen und das Feedback von Lehrkräften können in Abhängigkeit des Migrationshintergrundes der Lernenden verzerrt sein. Der Forschungsstand ist jedoch dahingehend eingeschränkt, dass überwiegend negative Urteilsverzerrungen sowie Herkunftsländer untersucht wurden, welche mit negativen Kompetenzerwartungen verknüpft sind. Das vorliegende Projekt legte daher den Fokus auf (vermeintlich) positive Verzerrungen, die entstehen können, wenn Lehrkräfte versuchen, Diskriminierungen auszugleichen oder bestimmte Herkunftsregionen mit positiven Erwartungen verbinden. In zwei Vorstudien entwickelten wir zunächst einen Impliziten Assoziationstest (Studie 1a, N = 109 Lehramtsstudierende) und identifizierten geeignete Namen und Fotos (Studie 1b, N = 58 Lehramtsstudierende). In beiden Vorstudien waren die Assoziationen zu Mädchen insgesamt positiver als zu Jungen. Herkunftsbezogene Unterschiede waren bei Jungen deutlicher als bei Mädchen, wobei eine ostasiatische Herkunft positiver assoziiert wurde als eine nordafrikanische. In der Hauptstudie (Studie 2, N = 368 Lehrkräfte) zeigte sich, dass der Migrationshintergrund wenig Einfluss auf das dysfunktionale Feedback hatte. Lehrkräfte bewerteten jedoch Lernende mit Migrationshintergrund in Misserfolgssituationen positiver und gaben häufiger lernförderliches Feedback, was den „positiven“ Feedback-Bias und möglicherweise einen Shifting-Standards-Effekt widerspiegelt. Hinsichtlich multikultureller Überzeugungen, Growth Mindset, Motivation zu vorurteilsfreiem Handeln und Stereotypen gab es einzelne, eher unsystematische Zusammenhänge mit Einschätzungen und Feedback. In einer weiterführenden Studie (Studie 3, N = 65 Lehramtsstudierende) konnte eine kurze Online-Intervention herkunftsbedingte Urteilsverzerrungen reduzieren, hatte aber keine Auswirkungen auf implizite Stereotype oder das Bewusstsein für die eigene Voreingenommenheit. Insgesamt trägt unser Projekt zum Verständnis herkunftsbedingter Urteils- und Feedbackverzerrungen bei. Mit Blick auf die weitere Forschung zeigen die Ergebnisse, dass zwischen verschiedenen Migrationshintergründen differenziert werden sollte, da Erwartungen und pädagogische Entscheidungen je nach Herkunftsregion sehr unterschiedlich sind. Zudem erscheint es sinnvoll, Interventionen zu entwickeln, die Lehrende dabei unterstützen, sich ihrer Vorurteile bewusst zu werden, vermeintlich „positive“ Verzerrungen zu erkennen und allen Lernenden lernförderliches Feedback zu geben.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
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Stereotype von Lehrkräften über Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund. Poster auf der 10. Tagung der Gesellschaft für Empirische Bildungsforschung, Universität Duisburg-Essen, Essen, Deutschland.
Zeeb, H. & Voss, T.
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Teachers' feedback to and their evaluations of students from immigrant backgrounds. OSF Registries.
Zeeb, H.
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Können herkunftsbezogene Urteilsverzerrungen bei angehenden Lehrkräften durch eine kurze Online-Intervention reduziert werden? Eine Pilotstudie. Vortrag auf der 11. Tagung der Gesellschaft für Empirische Bildungsforschung, Universität Potsdam, Potsdam, Deutschland.
Zeeb, H., Smolka, L., Glogger-Frey, I. & Voss, T.
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Schon gewusst, dass Fatima besser bewertet wird als Leonie? Tatsächlich?! Der Forschungsblog des ErfurtLab.
Zeeb, H. & Glogger-Frey, I.
