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Vulnerabilität von Studierenden in Zeiten der Corona-Pandemie - nimmt die soziale Ungleichheit im Studium zu?

Antragsteller Dr. Markus Lörz
Fachliche Zuordnung Empirische Sozialforschung
Bildungssysteme und Bildungsinstitutionen
Förderung Förderung von 2021 bis 2024
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 470278283
 
Erstellungsjahr 2024

Zusammenfassung der Projektergebnisse

Im Zuge der COVID-19 Pandemie hat sich die soziale und wirtschaftliche Lage von Studierenden deutlich verändert: Die Interaktionsmöglichkeiten mit Kommiliton*innen und Lehrenden sowie die Unterstützungsmöglichkeiten durch die Familie waren phasenweise stark eingeschränkt. Die finanzielle Situation von Studierenden und deren Eltern hat sich infolgedessen mitunter drastisch verschlechtert. Zudem musste die Hochschullehre in den ersten Semestern der COVID-19 Pandemie online stattfinden, sodass sich Studierende mit veränderten Lehr-, Lern- und Prüfungssituationen auseinandersetzen mussten. Derartige Veränderungen gingen für viele Studierende mit einem erhöhten Stressempfinden einher. Angesichts dieser neuen Studiensituation stellte sich die Frage, wie sich diese veränderten Bedingungen auf soziale Ungleichheiten im Studium ausgewirkt haben. Das vorliegende DFG-Projekt hat diese Frage aufgegriffen und untersucht, inwieweit sich infolge der COVID-19 Pandemie die sozialen Ungleichheiten in der Studiendauer, der Studienabbruchintention sowie der mentalen Gesundheit verändert haben. Neben Ungleichheiten nach sozialer Herkunft, Geschlecht und Migrationshintergrund wurden auch der Elternstatus und Gesundheitszustand der Studierenden in den Analysen berücksichtigt. Die Analysen basieren auf einer Kombination verschiedener Studierendenbefragungen aus den Jahren 2016, 2020 und 2021. Zudem wurden Befragungsdaten aus den Jahren 2019 bis 2023 zu den wissenschaftlichen Karrieren von Hochschulabsolvent*innen analysiert. Die Ergebnisse des Projekts machen deutlich, dass in der Phase der COVID-19 Pandemie die sozialen Ungleichheiten in der Abbruchintention von verschiedenen Studierendengruppen merklich zugenommen haben. Insbesondere Studierende mit Kind und Studierende mit studienerschwerender Beeinträchtigung standen zu Zeiten der COVID-19 Pandemie vor einer erschwerten Studiensituation (Lörz, 2022; Koopmann et al., 2023). Die Ursachen sind jedoch je nach betrachtetem Studierendenmerkmal unterschiedlich: Während Unterschiede nach sozialer Herkunft auf veränderte finanzielle Bedingungen zurückzuführen sind (Lörz & Becker, 2022), zeigen sich bei den Unterschieden nach Migrationshintergrund im Laufe der COVID-19 Pandemie zwei gegenläufige Prozesse: Internationale Studierende beabsichtigen häufiger aufgrund von eingeschränkten finanziellen Möglichkeiten das Studium abzubrechen, während einheimische Studierende1 eher aufgrund der eingeschränkten Interaktionsmöglichkeiten einen Studienabbruch intendieren (Marczuk & Lörz, 2024). Die größten Unterschiede in den Studienabbruchintentionen bestehen zwischen Studierenden mit und ohne studienerschwerende(r) Beeinträchtigung. Insbesondere Studierende mit psychischer Beeinträchtigung weisen zu Zeiten der COVID-19 Pandemie ein erhöhtes Abbruchrisiko auf (Rußmann et al., 2023a). Eine weiterführende Analyse verdeutlicht, dass diesem Phänomen verschiedene Ursachen zugrunde liegen, die sich mit den vorliegenden Daten nur zum Teil aufzeigen lassen (Rußmann et al., 2023b). Mit Blick auf das Zusammenspiel verschiedener Studierendenmerkmale wird aus einer intersektionalen Perspektive zudem das gesamte Ausmaß der Abbruchrisiken bei Studierenden mit mehreren Risikomerkmalen ersichtlich: Insbesondere Studierende mit Kind und Beeinträchtigung intendieren zu Beginn der COVID-19 Pandemie am häufigsten dazu, ihr Studium abzubrechen (Koopmann et al., 2023). Im Hinblick auf die mentale Gesundheit zeigen die Ergebnisse, dass vor allem Studentinnen ein höheres Burnout-Risiko tragen. Dieses lässt sich maßgeblich durch die geringere Resilienz von weiblichen Studierenden erklären (Rußmann et al., in Bearbeitung). Auch unter Doktorand*innen bestehen Geschlechterunterschiede in der mentalen Gesundheit zugunsten der Männer. Allerdings hat sich die mentale Gesundheit für beide Geschlechter – nach einer zeitweiligen Verbesserung im Jahr 2020 – im Verlauf der Pandemie verschlechtert. Die Gruppe der Doktorand*innen mit Kindern berichtet über die größten Einbußen in der mentalen Gesundheit. Insgesamt geht aus den verschiedenen Analysen hervor, dass die sozialen Ungleichheiten in der Studienabbruchintention im Zuge der COVID-19 Pandemie zugenommen haben. Die Ursachen variieren jedoch je nach betrachtetem Ungleichheitsmerkmal. Um in Krisenzeiten eine Zunahme sozialer Ungleichheiten zu verhindern, sind demnach Unterstützungsmaßnahmen erforderlich, die an die Bedarfe verschiedener Studierendengruppen angepasst werden. Mit finanziellen Unterstützungsangeboten wird beispielsweise nur ein Teil der sozialen Ungleichheiten adressiert – die für manche Studierende erschwerte Lehr- und Unterstützungssituation bleibt davon unberührt. Mit Blick auf die Frage, wie das künftige (digitale) Studium gestaltet werden sollte, um eine Zunahme sozialer Ungleichheiten im Studium zu verhindern, zeigen die Projektpublikationen verschiedene Ansatzpunkte auf.

Projektbezogene Publikationen (Auswahl)

 
 

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