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Das unnachgiebige Empire: Chinas Streben nach der Peripheralisierung Taiwans

Fachliche Zuordnung Politikwissenschaft
Förderung Förderung seit 2026
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 550231771
 
Ein typisches Merkmal historischer Imperien war die Kontrolle ihrer unmittelbaren Peripherien und - wenn möglich - deren Integration in das imperiale Kernland. Taiwan, das bis ins 19. Jahrhundert als Teil einer nur vage definierten Grenzregion des chinesischen Reiches galt, ist heute stärker als jede andere Polity in Chinas Peripherie dem territorialen Zugriff des zeitgenössischen chinesischen Imperiums ausgesetzt. Zwar erhebt die Volksrepublik China (VR China) offiziell Anspruch auf die Insel als Teil ihres Staatsgebiets, doch ist Taiwan bislang nicht in das imperiale Zentrum eingegliedert worden. Zugleich verleiht die Schlüsselrolle Taiwans in der Herstellung hochentwickelter Halbleiter sowie die laufende Restrukturierung globaler Liefer- und Wertschöpfungsketten in diesem Sektor der Inselrepublik eine besondere strategische Relevanz im Kontext des US-chinesischen Systemkonflikts. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Taiwan ist somit zentral, um zentrale Dynamiken und Implikationen des sich herausbildenden neuartigen chinesischen Imperiums zu erfassen. Durch die Fokussierung auf Taiwan als Fallstudie leistet dieses Projekt einen substanziellen Beitrag zum Verständnis aktueller chinesischer Strategien zur Konsolidierung des imperialen Zentrums. Im Zentrum der wissenschaftlichen Analyse die chinesischen Bemühungen, Taiwan als "abtrünnige Provinz" zu peripheralisieren, und zwar durch: a) die Kontrolle wirtschaftlicher Strukturen, insbesondere durch Zugang zu bzw. Sicherung von Schlüsseltechnologien in den taiwanischen Halbleiter- und KI-bezogenen Industrien, b) die Etablierung intermediärer Akteure durch die Bildung transnationaler Technologienetzwerke zwischen taiwanischen und chinesischen Unternehmen in diesen und angrenzenden Branchen, und c) die Umsetzung einer "Teile-und-Herrsche"-Strategie, etwa durch gezielte Beziehungspflege mit einflussreichen KMT-Politikern sowie wirtschaftlich auf dem chinesischen Festland engagierten taiwanischen Geschäftsleuten (Taishang), mit dem Ziel, einen Keil zwischen die politischen und wirtschaftlichen Eliten Taiwans zu treiben. Methodisch basiert das Projekt auf einer Kombination aus Dokumentenanalyse und umfangreicher Feldforschung in China und Taiwan, insbesondere in Form halbstrukturierter, qualitativer Interviews mit politischen Entscheidungsträgern und Unternehmer*innen. Darüber hinaus fließen laufende eigene Untersuchungen zu Chinas Bemühungen ein, eine autonome Wertschöpfungskette im Halbleiterbereich sowie eine KI-getriebene Industrie im chinesischen Kernland aufzubauen. Das Projekt beleuchtet somit sowohl die strategischen Bestrebungen der VR China, sich von Taiwan zu entkoppeln, als auch das Ziel, die Insel in wachsende Abhängigkeit vom chinesischen Festland zu bringen - nicht nur zur Festigung des imperialen Zentrums, sondern auch, um dem "Westen" den Zugang zu einem zentralen Akteur im eskalierenden globalen "Chip-Krieg" zu verwehren.
DFG-Verfahren Forschungsgruppen
 
 

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