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Wissenschaftsimperium: Infrastrukturkontrolle und ideelle Bindung in Chinas internationalen Großforschungsprojekten
Antragstellerin
Dr. Anna Lisa Ahlers
Fachliche Zuordnung
Politikwissenschaft
Förderung
Förderung seit 2026
Projektkennung
Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 550231771
Die Produktion und Kontrolle von fortschrittlichem Wissen und Technologie war häufig ein zentraler Aspekt für die Herrschaft und Legitimität von Imperien. Auch gegenwärtig sind Weltmächte Zentren der Innovation und akademischen Exzellenz. Die Transformation Chinas zu einer führenden Wissenschaftsmacht ist ein zentraler Bestandteil der Entwicklungsstrategie der chinesischen Regierung und eng mit aktuellen außenpolitischen Strategien verknüpft. Ein Kernelement ist der Ausbau international ausgerichteter "Big Science", d.h. kostenintensiver, großer und oft weltweit einzigartiger Apparate, Einrichtungen und Cluster in einem speziellen und neuartigen Forschungsgebiet; darunter riesige Teleskope, gigantische Teilchenbeschleuniger und umfangreiche lebenswissenschaftliche Datenbanken. Das Projekt untersucht Chinas staatsfinanzierte Großforschungsinfrastrukturen als Mittel, einen Wettbewerbsvorteil in Grenzbereichen der Forschung zu gewinnen und ein Gegengewicht zu den bislang von Nordamerika und Europa dominierten Strukturen zu schaffen. Eine Analyse relevanter politischer Lernprozesse, Implementierungsstrategien sowie der Governance und der allgemeinen Bedeutung dieser großen Forschungsinfrastrukturen eröffnet innovative Perspektiven auf Chinas imperiale Praktiken. Wir untersuchen, wie Eliten in Chinas Wissenschaftspolitik und -organisationen ihre Strategien anpassen und auf Forderungen nach technologischer Autonomie sowie globaler Versicherheitlichung der Wissenschaft reagieren. Neben ihrer Kartierung analysieren wir die Steuerung von Chinas Großprojekten, insbesondere die Auswahl und Einbindung ausländischer Forschungspartner, um Formen der Kontrolle herauszuarbeiten. Mittels einer Erhebung der internationalen Wahrnehmung dieser Projekte und ihrer Ergebnisse erschließen wir den globalen Status, den China mit seinen Big-Science-Initiativen erreicht. Dokumentenanalysen, Interviews, Fokusgruppendiskussionen, eine Umfrage und drei Fallstudien werden von den folgenden Fragen motiviert: Warum und wie passen chinesische Entscheidungsträger ihre Politik an, um Zentralität zu gewinnen und Autonomie in der globalen Wissenschaft zu sichern? Ist die Strategie des umfangreichen Aufbaus großer Forschungsinfrastrukturen in dieser Hinsicht erfolgreich? Inwieweit wird damit bewusst asymmetrische Abhängigkeit in Chinas Wissenschaftsbeziehungen geschaffen? Wir untersuchen zudem, ob große Forschungsinfrastrukturen ausländische Akteure nicht nur durch einzigartige materielle Ressourcen, sondern auch ideell an China binden - indem in diesen Einrichtungen lokale Forschungspraktiken durchgesetzt und spezifische wissenschaftliche Werte vermittelt werden. Dieses Projekt ist die erste systematische Studie darüber, wie Eliten in Politik und Wissenschaft Big-Science-Strategien entwickeln, planen und umsetzen, um China als globales Zentrum der Wissensproduktion zu etablieren und auf Abhängigkeit seiner Partner zu setzen - mit dem Ziel, ein Wissenschafts-Empire zu formen.
DFG-Verfahren
Forschungsgruppen
