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Jenseits der Dyade: Ein sozial‑ökologisches Modell kontextbasierter Disparitäten bei schulischen Disziplinarmaßnahmen
Antragsteller
Dr. Iniobong Essien
Fachliche Zuordnung
Sozialpsychologie und Arbeits- und Organisationspsychologie
Förderung
Förderung seit 2026
Projektkennung
Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 576033594
Disparitäten in schulischen Disziplinarmaßnahmen sind ein Bereich in dem sich Bildungsungleichheit ausdrücken kann: Schüler*innen aus stigmatisierten rassifizierten Gruppen werden strenger diszipliniert, auch bei identischen Regelverstößen. Die psychologische Forschung hat Disziplin bislang überwiegend als dyadisches Ereignis zwischen einer Lehrkraft und einzelnen Schüler*innen betrachtet und dabei wenig berücksichtigt, dass Disziplinarentscheidungen in einem Klassenkontext stattfinden, der wiederum nicht unabhängig weiteren übergeordneten Kontexten (Schule, Nachbarschaft) ist. Das beantragte Projekt prüft und verfeinert ein Modell, das erklärt, wie strukturelle Merkmale schulischer Umwelten – die Zusammensetzung von Klassen, Schulen und Nachbarschaften – Wahrnehmungen und Disziplinarentscheidungen von Lehrpersonen beeinflussen. Im Modell wird kontextbasierte Diskriminierung als Unterschiede in absoluten Häufigkeiten disziplinarischer Maßnahmen zwischen schulischen Kontexten aufgrund unterschiedlicher Zusammensetzung verstanden. Die Unterschiede zwischen Kontexten können auftreten, selbst wenn sich innerhalb einer Klasse nur geringe gruppenbezogene Disparitäten zeigen. Das Modell besteht aus vier verknüpften Propositionen: (1) In Klassen mit vielen Schüler*innen aus stigmatisierten rassifizierten Gruppen sind entsprechende soziale Kategorien chronisch zugänglich; (2) die Zugänglichkeit sozialer Kategorien erleichtert die Aktivierung und Anwendung von Stereotypen; (3) ortsbezogene Stereotype, die mit Schulen und Nachbarschaften verbunden sind, prägen Erwartungen bereits vor Betreten des Klassenraums; und (4) zusammen beeinflussen diese psychologischen Prozesse die Disziplinraten im Klassenzimmer. Sieben Arbeitspakete prüfen das Modell basierend auf verschiedenen Methoden, auf verschiedenen Ebenen und in verschiedenen Ländern. WP1 liefert die erste Metaanalyse zu kontextbasierter Diskriminierung. WP2 analysiert Sekundärdatensätze die Generalisierbarkeit von Effekten der demographischen Zusammensetzung auf Disziplinarentscheidungen. WP3 codiert und analysiert ein umfangreiches Korpus von Unterrichtsvideos, um sichtbar zu machen, wie Unterschiede in absoluten Disziplinraten aus Interaktionen im Klassenraum entstehen und sich im Verhalten von Lehrkräften niederschlagen. WP4 führt qualitative Interviews durch, um zu erfassen, wie Lehrkräfte soziale Kategorien in unterschiedlichen Klassenkontexten spontan thematisieren. WP5 setzt ein Experience-Sampling ein, das die alltägliche Zugänglichkeit sozialer Kategorien erfasst. WP6 prüft Kausalhypothesen mittels eines Narrative Game und anhand von Vignettenexperimenten. Das abschließende WP7 integriert die Befunde aller Arbeitspakete, schärft das Modell empirisch und führt es mit den theoretischen Annahmen zusammen. Indem die Forschung zu schulischen Disziplinarmaßnahmen über die Dyade hinaus auf schulische Umwelten ausgedehnt wird, verknüpft das Projekt Segregation mit sozialer Kognition und Disziplinpraxis.
DFG-Verfahren
Emmy Noether-Gruppen
