Kommunikatives Handeln mit dementierenden Menschen: Verlust und Aufbau von Kommunikationsmacht von dementierenden Menschen und ihren pflegenden Bezugspersonen im häuslichen Setting
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Klassische Beschreibungen der Folgen neurodegenerativer Prozesse, die mit Demenz bezeichnet werden, gehen davon aus, dass damit zwangsläufig eine, wenn auch langsam verlaufende dramatische Veränderung der kognitiven Fähigkeiten und der kommunikativen Handlungsabstimmung einhergeht und dass diese dramatischen Veränderungen schlussendlich auch zur Auflösung der Gattenbeziehung bzw. zur einseitigen Aufkündigung der Gattenbeziehung durch den Gesunden führt und der Gesunde die Beziehung dann vor allem als Pflegebeziehung erlebt. Unsere Fallanalysen (N=5) weisen jedoch darauf hin, dass das Kommunikationsvermögen, die Kommunikationsmacht und die Qualität der Paarbeziehung voneinander abhängen und sich gegenseitig bedingen. Denn die kognitiven Veränderungen, die mit neurodegenerativen Prozessen einhergehen, können zumindest in den ersten Jahren dadurch aufgefangen und abgefedert werden, dass das Paar sich mit einer erhöhten Empathie einander zuwendet und aufeinander einstellt, eine neue Handlungseinheit herausbildet, die gemeinsam Handlungen vollzieht und die aufgrund der Beobachtung selbst kleinster Ausdrucksformen in der Lage ist, ihr Handeln aufeinander abzustimmen. Es ist also nicht so, dass die neurodegenerativen Veränderungen im Gehirn zwangsläufig das Einander-Fremd-Werden hervorrufen, sondern das Aufbrechen der Beziehung und damit der liebevollen Zuwendung führen dazu, dass nicht mehr und nicht immer wieder die Gemeinsamkeit über verbale oder körperliche Kommunikation hergestellt und erfahren werden kann. Beobachtung als Intervention: Die beobachtende Teilnahme war immer auch eine Intervention - allerdings eine Intervention, die weder therapeutisch, ethisch oder erkenntnistheoretisch reflektiert. Die extern finanzierte Supervision half, Teile dieses Prozesses sichtbar zu machen und zu korrigieren. Die Beobachtung führte nicht nur bei den Beobachteten zu einer Veränderung ihrer Interaktionspraxis, sondern auch bei den Beobachter_innen. Verlassen des Feldes: Mit der Besonderheit der beobachtenden Teilnahme geht auch das Problem einher, dass das Verlassen des Feldes von den beobachteten Familien teils deutlich herausgezögert bzw. unterlaufen wird. Auch für diesen Prozess bedarf es der Supervision und der klaren Kennzeichnung des Projektendes. Deshalb ist es unumgänglich, sollte man in Zukunft bei beobachtender Teilnahme eine durchgehende Supervision des Forscherinnen-Teams zu gewährleisten.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
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Einander ein Gerüst geben. Handlungsabstimmung an den Grenzen von Kommunikation. Grenzen der Kommunikation – Kommunikation an den Grenzen, 217-237. Velbrück Wissenschaft.
Reichertz, Jo; Keysers, Verena & Nebowsky, Anna
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Grenzen der Kommunikation – Kommunikation an den Grenzen. Velbrück Wissenschaft.
Reichertz, Jo
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Über Salutozentrismus und Fallstricke der Deutung ethnographischer Situationen. In: Hitzler, Ronald/Kreher, Simone/Schröer, Norbert/Poferl, Angelika (Hrsg.): Ethnographie der Situation. Essen: Oldib. S. 455-470.
Keysers, Verena & Nebowsky, Anna
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“Coercive Care” or “Ur-wir [Great-we]”: Communication and Cooperation in Couples Where One Partner Has Been Diagnosed with Dementia. Human Arenas, 3(4), 552-574.
Roth, Wolff-Michael & Reichertz, Jo
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„Auch wenn die geschriebenen Worte nicht von mir verfasst worden sind…“ De-Personalisierung oder Wertschätzung?. Pflege & Gesellschaft(4), 364-368.
Reichertz, Jo
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Die coronabedingte Krise der qualitativen Sozialforschung. In: Soziologie. Jg. 50. H.3. S. 313-335.
Reichertz, Jo
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Kommunikationsmacht, soziale Macht, Körpermacht. In: Bidlo, Oliver/ Keysers, Verena/ Roslon, Michael/ Schröer, Norbert (Hrsg.): Facetten der Kommunikationsmacht.Weinheim: Juventa. S. 289-331.
Reichertz, Jo
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Kommunikativer Tod durch Demenz? Wie die Beziehungsidentität Kommunikationsmacht erhält. Bidlo, Oliver/ Keysers, Verena/ Roslon, Michael/ Schröer, Norbert (Hrsg.): Facetten der Kommunikationsmacht. Weinheim: Beltz Juventa, S. 180-196.
Nebowsky, Anna-Eva & Spiekermann, Nils
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Möglichkeiten der beobachtenden Teilnahme von Menschen mit der Diagnose ‚Demenz. In: Birgit Blättel-Mink (Hrsg.) (2020): Gesellschaft unter Spannung. Verhandlungen des 40. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie 2020.
Reichertz, Jo
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Wie die Güte der qualitativen Forschung sichern? In: Nover, Sabine Ursula/ Panke- Kochinke (Hrsg.): Qualitative Pflegeforschung: Eigensinn, Morphologie und Gegenstandsangemessenheit. Baden-Baden: Nomos. S. 27 – 48.
Reichertz, Jo
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„Man ist immer mittendrin.“ Chancen und Risiken einer beobachtenden Teilnahme von Menschen mit der Diagnose ‚Demenz’.. Qualitative Pflegeforschung, 137-150. Nomos Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG.
Reichertz, Jo
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Körper-Ethnographie. Der eigene Körper als Erhebungsinstrument. Handbuch Soziologische Ethnographie, 539-550. Springer Fachmedien Wiesbaden.
Reichertz, Jo
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„Die Krankheit geht ihren Weg und nimmt sie mit.“ Beobachtende Teilnahme von Paaren, von denen eine Person mit der Diagnose Demenz lebt. Ein Forschungsbericht. In: Sonja Teupen, Serbser- Koal, Jonathan, Laporte Uribe, Franziska, Dinand, Claudia, Roes, Martina (Hrsg.): Qualitative Forschung mit Menschen mit Demenz. Weinheim: Juventa. S.
Reichertz, Jo
